Tag zwei beginnt mit dem hoteleigenen Frühstück. Trotz Eier- und Gemüsekrise bekommen wir für 10 Pfund ein erstklassiges Full English Breakfast. Gurken, Tomaten, Eier in drei Aggregatzuständen, vier Sorten Cheddar. Bohnen und Würstchen sowieso. Es bleiben keine Wünsche offen.
Nach dem Frühstück geht es mit der District Line Richtung Tower Hill. Der umwerfende Blick am Ausgang der Bahnstation auf den Tower und die Tower Bridge wird erwartungsgemäß mit Begeisterung aufgenommen. Schön. Ich bin ja auch hier immer wieder gern, eigentlich natürlich überall, aber an manchen Orten noch viel lieber. Jedenfalls ist die Tower Bridge das, was ich „iconic“ nennen möchte. Wir bestaunen den Blick vom Ufer aus und laufen einmal um die Burganlage herum. Hinein gehen wir nicht, weil das einfach zu viel Zeit kostet. Es ist im Sommer auch noch schöner. Vielleicht beim nächsten Mal wieder. Von hier aus laufen wir nun am Monument vorbei durch die pittoreske Bow Lane zur schönsten Daunt Books Filiale, ich muss einen neuen Beutel kaufen und nehme noch zwei Bücher mit. Von dort sind es nur noch wenige Schritte bis zur St. Paul’s Cathedral. Die betrachten wir auch nur von außen. Der Eintrittspreis steigt jedes Jahr, dafür bin ich inzwischen zu geizig. Gegenüber der Kathedrale liegt der Knightrider Court, der uns direkt auf die Millennium Bridge führt. Es ist bestes Wetter und wir haben einen schönen Blick auf die Tower Bridge auf der einen und das London Eye auf der anderen Seite. Letzteres ist zwar noch 1,4 Meilen entfernt, aber zu sehen ist es trotzdem ganz gut.
Wir besuchen heute endlich mal wieder das Foyer des Shakespeare Globe Theatre. Viel mehr ist nicht drin. Führungen heute leider keine und die nächste Vorstellung (die als makabere Verrücktheit angepriesene Rache-Tragödie Titus Andronicus) gibt es erst morgen Abend. Es ist mir dafür aber auch zu kalt. Ich scheine auf meine alten Tage mehr und mehr von der britischen Lebensart zu verlieren? Einheimische haben ihre Shorts bereits herausgeholt und ihre Jacken zu Hause gelassen. T-Shirts sieht man in der Sonne zahlreich über rotweiße Leiber spannen. Das kann ich mir im Augenblick nicht vorstellen. In den U-Bahn-Schächten herrscht ja ganzjährig ein mediterranes Klima von trockenen 25 Grad. Aber über der Erde ist es im Schatten noch isländisch frisch bei 7 Grad.
Um unsere Kräfte zu schonen, gehen wir nicht an der Themse entlang Richtung Westminster, sondern über das gefällige Borough Yards Gelände zur nächsten U-Bahn-Station London Bridge. Der Borough Market ist ein dem Isemarkt nicht unähnlicher Delikatessenmarkt. Herrliche Dinge gibt es hier zu sehen und zu riechen. Für die Touristen oder die wohlhabenden Londoner gibt es edle Frischwaren und Spirituosen. Von Rationierung keine Spur. Die gibt es nur in den Supermärkten. Dort sind auch tatsächlich viele leere Körbe in der Obst- und Gemüse-Ecke zu beklagen.
Mit der Jubilee-Line sausen wir bis Westminster. Und machen erst einmal einen Abstecher zur Downing Street. Dort ist aber alles derart weiträumig abgesperrt, dass man die berühmte Fassade nur erahnen kann. Schade. Also zurück zum frisch gesäuberten Big-Ben-Turm. Der strahlt mit der Sonne um die Wette und sieht sehr schön aus vor dem sattblauen Himmel.
Wir nutzen gleich drei Ampeln am Parliament Square, um zur Westminster Abbey zu gelangen. Seit 1868 wird hier ein Ampelsystem mit Licht betrieben. Das erste der Welt, seinerzeit noch mit Gaslicht betrieben, steht hier heute sicher eine Anlage der x-ten Generation. Auf jeden Fall fußgängerfreundlich, denn warten müssen wir nicht lange, dann haben wir grünes Licht. Vorbei an den Statuen großer Persönlichkeiten wie Winston Churchill, Mahatma Gandhi, Millicent G. Fawcett oder Nelson Mandela erreichen wir die Abbey. Wir können sie nur aus einer gewissen Ferne betrachten. Sie ist großzügig abgesperrt und nur für Inhaber einer Eintrittskarte zugänglich. Ja, bitte, dann eben nur von fern. Auch hier sind mir 27 Pfund zu viel. Außerdem scheint die Sonne und wir wollen unsere Zeit lieber an der Luft verbringen. Wir machen uns direkt auf den Weg zum St. James‘s Park, in dem die Narzissen schon in voller Blüte stehen. Im Park machen wir wie viele andere eine kleine Pause auf einer der vielen Bänke. Als es uns zu kalt wird, spazieren wir weiter zum Buckingham Palace. Hier sind relativ wenige Menschen unterwegs und der König ist auch nicht vor Ort, es weht nur der Union Jack auf dem Dach.
Eigentlich war geplant, nun noch durch die Savile Row zum Piccadilly Circus zu laufen, aber meine Begleitung beendet den Tag vorzeitig und fährt zurück ins Hotel. Unsere Schrittzahl beträgt zu diesem Zeitpunkt immerhin 16.252. Ich gehe auf direktem Weg noch zur Regent Street und besuche einen weiteren Buchladen, um das eine oder andere Werk auf der Wunschliste aus der Heimat abzuhaken. Dort arbeite ich mich durch alle Stockwerke und genieße, dass niemand drängelt oder aufbrechen möchte. Kaufen könnte ich wieder so viele Bücher. Weil mein Koffer aber begrenzte Kapazitäten hat, mache ich einige Fotos und erstelle meinerseits auch eine Wunschliste.
Unser Abendessen gibt es heute im Blackbird Pub. Fish & Chips und Coronation Chicken. Köstlich! Übrigens ist der Service voll europäisiert. Komplette Bestellung und Bedienung am Tisch. Eigentlich schade.
Zurück im Hotel muss ich meinen Sonnenbrand behandeln. Ich habe versucht, der Sonne auszuweichen, aber das hat nur bedingt geklappt, mein Gesicht ist leider rot.