Heute am Abreisetag fällt leichter Sprühregen und es ist ziemlich kühl. Unsere geplante Cabrio-Busrundfahrt ist akut gefährdet.
Zunächst wird aber gefrühstückt in einem klitzekleinen Café namens Dolci. Das Interieur ist eine Mischung aus italienischem Floralflair und der poppigen Farbpalette einer Häuserzeile in Miami. Die Betreiber sind zwei mürrisch blickende junge Herren, denen die einheitliche Kleidung so gar nicht passt. Unter der türkisblauen Oberbekleidung blitzt etwas zu viel Haut hervor. Es ist alles zu eng und zu kurz. Aber die Verachtung, mit der sie ihre Uniform tragen, ist durchaus sympathisch. Und sobald sie sprechen, ist sowieso alles vergessen: Schönstes schnodderiges London-Englisch. Es gibt Sandwiches und frisch gepressten Orangensaft. Full English Breakfast hätte es auch gegeben, aber danach ist mir heute nicht. Und für die schrillbunten Gebäckteilchen ist es mir noch zu früh.

Wir müssen uns nun entscheiden, welchen Weg wir gehen. Eiskalte Berieselung in einem Bus ohne Dach oder doch lieber ein Spaziergang über die Portobello Road und durch den Hyde Park zurück. Beides wäre trocken schöner, aber wir wollen nicht klagen.
Es wird die Rundfahrt! Abfahrt Victoria Station. Der Bus hat gepolsterte Sitze, das ist schon mal ein gewisser Luxus. Wir sitzen direkt hinter dem Dach. Es sollte also bitte einigermaßen trocken bleiben. Nach ein paar Stationen werden die vordersten Plätze frei für uns Glückskinder. So schauen wir wieder aus der Loge auf das Geschehen. Es ist am Samstag wesentlich voller auf den Straßen. Menschentrauben überall. Schön, dass wir nicht mittendrin sind.
Die Kommentare im Bus wurden ganz frisch aktualisiert. Es ist bereits vom König die Rede. Außerdem erfahre ich viele neue Details, die ich entweder nicht kannte oder vergessen hatte. Meine letzte Rundfahrt ist immerhin 11 Jahre her. Am Marble Arch stand zum Beispiel einst der Tyburn Tree, an dem gleich drei Verurteilte zugleich gehängt werden konnten. Dieses wöchentliche Spektakel haben sich die Menschen nicht entgehen lassen. Es wurde gefeiert und ordentlich getrunken. Weil es vielen am nächsten Morgen nicht so gut ging, hat sich daraus der Begriff „Hangover“ abgeleitet. Oder der unscheinbare Greenpark, er wurde in früheren Zeiten sehr gern für Duelle genutzt. Außerdem hat Händel dort in der Sonne sitzend seine Feuerwerksmusik komponiert. Solche Sachen. Zwischen den Beiträgen läuft leider kein Händel, sondern ein Geschwurbel, das klingt, als wäre es in stark berauschtem Zustand entstanden.
Nach 90 Minuten wird es uns beiden recht kalt. Wir halten noch 30 weitere Minuten durch und entscheiden uns, am Temple-Areal auszusteigen. Die restliche Strecke hatten wir schon zu Fuß erkundet, das wird uns nicht fehlen. Es ist trocken geblieben! Der Regen hat gegen 12 Uhr aufgehört, nachdem sich aller Staub gelegt hatte.
Wir fahren zurück zum Earls Court. In der U-Bahn werden meine Finger wieder warm. Um uns aber richtig aufzuwärmen, beschließen wir, in das Lokal vom gestrigen Abend zu gehen und noch einen Salat zu genießen. Der schmeckt wieder köstlich. Danach müssen wir wohl oder übel zum Hotel zurück und unsere Koffer abholen. Die Piccadilly-Line fährt dieses Wochenende nicht nach Heathrow und wir müssen einen Umweg über Paddington Station machen und die Elizabeth-Line nehmen. Eine Namenskombination, die nicht nur zur Tea-Time wunderbar funktioniert. Die Fahrt in der royal violett gehaltenen Bahn ist sehr angenehm ruhig, sauber und organisiert. Geradezu beruhigend, zumal auch kein Fahrgast laut telefoniert oder anderweitig unterhält. Es scheinen überwiegend müde Reisende unterwegs zu sein. Ein wenig fehlt mir der Schrabbelcharme der blauen Piccadilly-Line schon, aber auch so kommen wir pünktlich am Flughafen an. Es folgen ein sehr angenehmes Bordkartendrucken und die Gepäckaufgabe. Beides vollautomatisiert und reibungslos. Die Schlange vor der Sicherheitsschleuse ist am frühen Samstagabend auch übersichtlich und wir sind nach 15 Minuten im Wartebereich. Den finde ich nach vielen Flügen und vielen Jahren inzwischen erstaunlich langweilig. Immer gleiche Geschäfte und Produkte. Auch kann ich keine attraktiven Preisnachlässe erkennen, deretwegen ich unbedingt hier meinen Gin, mein Parfum oder meine Schokolade kaufen sollte. Harrods hat seine kleine Außenstelle für die unternehmenseigenen Devotionalien am Flughafen offenbar aufgegeben. Sollte man also eine obligatorische Tasche mit Hund als Souvenir erwerben wollen, muss man nun doch direkt zur Knightsbridge fahren. Das ist ja als urbaner Mensch ansonsten entbehrlich. Es ist und bleibt ein Kaufhaus, dessen Exklusivität und das Versprechen, aber auch wirklich alles anzubieten, der gemeine Tourist ja doch nur mehr oder weniger fasziniert von außen beobachtet. Manche Türen bleiben verschlossen. Wurde der Löwe Christian nicht auch hier gehandelt? Seine Geschichte ist am Ende immerhin gut ausgegangen.
Im Terminal 5 gibt es drei Gate-Bereiche, die, wird das Gate erst einmal angezeigt, am schnellsten mit der hauseigenen U-Bahn erreicht werden. Das lässt schon Rückschlüsse auf die Größe des Flughafens zu. Aber unsere Maschine steht heute derart abseits, dass ich lange das Gefühl habe, wir führen zurück nach Hamburg. Irgendwann werden wir allerdings schneller und heben ab.
Kurz vor der Landung wird uns eben diese vom 1. Offizier angekündigt, allerdings sagt er, dass uns München mit gemäßigten Temperaturen erwartet. Aber unter uns sind definitiv die Lichter des Hafens auszumachen, es geht doch nach Hause.
Das war der London-Trip im März 2023. Kurz und schön.