Hometown glory

In wenigen Wochen steht ein Umzug an. Nach fast 30 Jahren in der großen Stadt geht es zurück in eine kleine Stadt. Darauf gewettet hätte ich nicht und der Impuls kam seinerzeit auch nicht von mir. Aber nachdem ich die grundsätzliche Entscheidung für ein Haus außerhalb der Großstadtgrenzen schon vor Jahren einvernehmlich getroffen hatte, war das Ja zu unserem neuen alten Haus umso schneller ausgesprochen. Denn hier stimmt einfach alles: Die Menschen, die Lage, das Städtchen mit seinem altehrwürdigen Charme, die Aussichten und die Ansichten.

Derzeit laufen noch notwendige Schönheitsreparaturen, in etwa 4 Wochen können wir dann aber an einen Umzug denken. Und wie man weiß, vergehen geschäftige Wochen oft so schnell wie ein Wimpernschlag. Wie der Zufall will, sind wir im Augenblick recht oft außerhalb der Stadt unterwegs und kehren meist abends immer wieder auf vertrauten Wegen zur Wohnung zurück. Aufgrund der bevorstehenden Veränderungen muss ich oft überlegen, wann ich einen Weg wohl zum letzten Mal in dieser Form und mit dem Ziel der derzeit noch heimatlichen Wohnung beschreite.

Das birgt eine seltsame Sentimentalität in sich. Es gibt jedenfalls Dinge, die man nie so ganz zu vergessen scheint. Vielleicht liegt es auch daran, dass die schiere Zahl der Begehungen zur Schule oder zur Arbeit dafür sorgt, dass sie ein Teil des Lebens werden, den das Gedächtnis nicht wieder hergibt.

Ich kann noch nicht genau sagen, ob es mir fehlen wird, meine Heimat über das Autobahnkreuz Nord-West zu erreichen, wo die Einfahrt inzwischen voll ausgebaut und lärmabweisend möglich ist. Ich vermag nicht zu zählen, wie oft ich dort gefahren bin, wo es heute mit 5 Spuren direkt L.A.esk anmutet und gen Süden führt. Genauso oft war ich in der anderen Richtung unterwegs und habe mich einer der meistgenutzten Autobahnabfahrten der Stadt vom Elbtunnel kommend genähert. Aus dieser Perspektive wusste die Dritte im Bunde im Kleinkindalter schon immer rechtzeitig, dass wir gleich zu Hause sein würden. Ihr Fixpunkt war lange Zeit das Gebäude einer Versicherungsgesellschaft und in ihrer Welt das Hamburg-Haus.

Ebenso oft habe ich mich mit dem öffentlichen Nahverkehr in der Stadt bewegt. Grob überschlagen werde ich den U-Bahnsteig am Zoo etwa 5.000 Mal betreten haben. Auch das wird in Zukunft seinen gewohnten Charakter verlieren und etwas Besonderes werden. So wehmütig das klingt, ich möchte es nicht bedauern. Es ist Zeit für etwas Neues und die Gelegenheit, meinen Alltag der letzten Jahrzehnte in das Regalfach der schönen Erinnerungen zu stellen.

In diesem Fach steht auch ein Weihnachtsgebäck, das meine Oma immer zubereitet hat und dem ich mich selbst nie wirklich nähern konnte, weil das Rezept leider verloren gegangen ist. Gestern wurde ich im Rahmen einer Familienfeier aber mit einer Dose eben dieser Leckerei überrascht! Und die Originalrezeptur einer anderen Bäckerin gab es außerdem dazu. Welch eine Freude, die ich heute Morgen mit einem Glas Milch genossen habe, ganz so, wie der nordamerikanische Weihnachtsmann es wohl auch mag. Meine Weihnachtssaison jedenfalls ist nun schon eine Woche früher eingeläutet als gedacht. Sie wird am nächsten Wochenende mit der traditionellen Weihnachtsbäckerei fortgesetzt, die seit über 20 Jahren ein fester Bestandteil meiner magischen letzten Wochen des Jahres ist.

Comfort CheckIn

Heute Rückfahrt in den Norden. Gleich vorweg: Es gibt sicher viel schlimmere Geschichten aus dem Pendlerleben und lustigere auch. Zumal ich ja auch gar nicht oft unterwegs bin. Aber ich habe heute eine emotionale Achterbahnfahrt durchlebt wie selten.

Der Tag begann eher unfreiwillig früh, selbst für meinen Biorhythmus. Ich konnte aber nicht mehr einschlafen und so bin ich dann einfach aufgestanden, um den Tag noch früher als gewohnt zu beginnen. Im Nachhinein war der Weg zur Arbeit einer der Höhepunkte des Tages. Sternenklarer Himmel, die erste Weihnachtsbeleuchtung am Bahnhof weist mir dezent blinkend den Weg. Und diese unvergleichlich ruhige Stimmung am frühen Morgen, die alle Menschen, denen ich begegne, offenbar sehr zu schätzen wissen, gefällt mir außerordentlich. Niemand ist in Eile, Zeit scheint im Überfluss da zu sein.

Ich lagere meinen Koffer in ein unterirdisches Gepäckfach ein. Das funktioniert einwandfrei und ich muss es dann gleich noch einmal wiederholen für einen Herrn, der mir zwar zuvor irritierenderweise über die Schulter gesehen hat, allerdings weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig ist und mich nun um Hilfe bittet. Französisch spricht er leider ebenfalls nicht und mehr kann ich nicht anbieten. „Lost in translation“ also. Der Koffer kann aber erfolgreich versenkt werden und ein weiteres Abholkärtchen findet auch seinen Weg heraus.

Etwa 30 Minuten vor der geplanten Abfahrt am Nachmittag komme ich wieder vor dem Gepäckfach an. Ich bin etwas nassgeregnet, einem stattlichen Schauer konnte ich nicht ausweichen. Im Koffer hätte ich noch etwas Trockenes, ich plane naiv, im Zug darauf zurückzugreifen. Zunächst muss ich allerdings an den Koffer herankommen. Vor mir steht eine Schlange von 4 Reisenden, die teilweise ein Gepäckstück einlagern, oder es wieder abholen möchten, so wie ich. Der junge Mann am Display flucht ein wenig vor sich hin und ich mache mir Sorgen um die Betriebsbereitschaft des Automaten. Er tritt aus Verärgerung sogar dagegen, was nicht zu meiner Beruhigung beiträgt. Im Geiste male ich mir bereits mögliche Lösungsszenarien aus, wie ich meine Abholkarte noch an den Nachreisenden übermitteln und den Zug erwischen könnte. Die Gebühr habe ich für 24 Stunden entrichtet und er ist ja noch eine Nacht in der Stadt. Denn ich muss einigermaßen dringend nach Hause, um am nächsten Tag unserer Hausbaustelle einen Besuch abzustatten. Die Handwerker sind bis dahin allein am Werk, was nicht unbedingt ideal sein muss. Aber mitten in diesem Gedankengang entspannt sich die Situation. Der Herr gibt auf und den Weg frei für den nächsten Kunden. Es war wohl ein schlechtes Karma, denn nun wird einer nach dem anderen abgefertigt und auch mein kleiner Koffer taucht wohlbehalten aus der Unterwelt auf.

Anschließend suche ich noch schnell die örtliche Parfümerie auf, um ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen und außerdem ein neues Fläschchen meines Lieblingsduftes. Nur finde ich das türkise Glück nicht. Es würde hier nicht mehr geführt. Rund 200 Quadratmeter Ladenfläche auf zwei Etagen und ausgerechnet mein Wunschprodukt findet hier keinen Platz mehr? Es sei nur noch online erhältlich. Über den Niedergang des Einzelhandels habe ich an anderer Stelle ja schon geschrieben. Es wird mir aber nicht leicht gemacht, gegen den Bestellboom anzuarbeiten. Betrübt suche ich mir eine Alternative, die sich in Anbetracht der Zeit hoffentlich nicht als Fehlkauf herausstellt.

Danach rufe ich den DB Navigator auf und möchte meine Sitzplatzreservierung nachlesen, um am Wagenstandsanzeiger sehen zu können, an welchem Gleisabschnitt ich warten sollte. Nun habe ich aber seit Sonntag ungefragt ein Update der App bekommen und bin folglich nicht mehr angemeldet. Die Registrierungsdaten fallen mir zwar wieder ein, aber durch das Update wurden meine Tickets entfernt. Wirklich? Ich kann das kaum glauben, habe ich doch dieses Mal, ich bin mir sicher erstmals, keine gedruckte Version der Bahnfahrkarte bei mir. Es hatte immer alles prima auch ohne Papier funktioniert. Jetzt muss ich aber erst einmal zum Gleis gehen. Die Zugnummer ergibt sich aus der Abfahrtszeit, die habe ich mir gemerkt. Am Gleis stehen die Menschen dicht gedrängt in Trauben, weil es nämlich alle 10 Meter beachtlich hineinregnet in den Bahnhof. Elektronische Anzeigetafeln sind außer Betrieb, vielleicht ein Feuchtigkeitsschaden. Mehrere hektische Reisende fragen mich: „Fährt hier der Zug nach Altona ab?“. Als ob ich mir dessen sicher wäre. Scheinbar strahle ich noch genug Gelassenheit aus, um kompetent zu erscheinen. Wenn ihr wüsstet. Mein angeborener Fatalismus ist mittlerweile einer leichten Gereiztheit gewichen. Mir fällt wieder der Herr am Gepäckautomaten ein und ein Zitat von Robin Williams: „Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.“ Nun waren damit natürlich nicht derartige Nichtigkeiten gemeint wie diese Abfolge von Absurditäten. Aber dennoch atme ich tief durch und hoffe auf Besserung.

Ich suche eine trockene Stelle am Gleis und fahre meinen Rechner hoch. Die eMail mit meinem Ticket habe ich ja schon vor Tagen bekommen, die müsste sich auch ohne eine Internetverbindung aufrufen lassen. Ich mache ein Foto vom Bildschirm und hoffe, dass das als Fahrkarte durchgeht. Meine Sitzplatznummer habe ich nun auch parat. Alles wird gut. Bestimmt. Das rede ich mir jedenfalls ein. Wer mich kennt, weiß, dass mein Stresslevel sich mittlerweile in einer äußerst kritischen Höhe befindet. Ich kann es überhaupt nicht leiden, dermaßen die Kontrolle über einen Ablauf zu verlieren.

Wenige Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit hält am Gleis ein roter Regionalzug. Und es erschallt eine immerhin gut hörbare Durchsage, der ICE nach Altona fährt heute abweichend von einem anderen Gleis. Sofort setzt sich die Menschenmenge (wahrscheinlich reicht sie aus, um als „außergewöhnliche Auslastung“ verzeichnet zu werden) in Bewegung und läuft die nächstgelegene Treppe hinunter und dann eine andere wieder hoch. Nur Augenblicke später rollt der Zug ein. Er startet hier, das ist im Normalbetrieb sehr angenehm, weil alle Zusteigenden sich relativ ungehindert durch die Wagen bewegen können. Er ist aber recht kurz und meine Wagennummer kann ich im Vorbeirollen nicht ausmachen. Also einfach einsteigen. Im Zug hören wir dann sogleich die Durchsage, dass leider ein Ersatzfahrzeug bereitgestellt werden musste. Zwei Wagen weniger als geplant. Und es sind so viele Reisende unterwegs, dass wir es aufgeben müssen, nach freien Plätzen zu suchen. Viele haben großes Gepäck dabei, es ist einfach zu mühsam. Man bietet uns an, auch in der ersten Klasse Platz nehmen zu dürfen. Aber der Weg dahin scheint zu schwer. Wir ergeben uns nach und nach und lehnen uns auf Koffer und Taschen oder besetzen den Boden. Eine Fahrkartenkontrolle findet nicht statt. Ob es für das Servicepersonal schier unmöglich ist, durch die Gänge zu gehen, oder schlichtweg zu gefährlich für Leib und Leben, bleibt mir verborgen.

Mein Ticket habe ich wieder in die App laden können. Es erscheint die Anzeige: „Kein Comfort CheckIn möglich“. Das kann ich bestätigen.

Number 4 with a smile

Ich bin einmal wieder in Köln. Für drei Tage. Im Augenblick ist viel los in der Stadt, weshalb ich auf ein Hotel ausweichen musste, dass ich bisher noch nicht kannte – das Urban Loft Cologne. Die Bilder im Netz sahen vielversprechend aus. Modern und zweckmäßig habe ich es immer gern. Außerdem stimmt die Lage. Sehr nah am Hauptbahnhof. Das schreckt viele ja eher ab, jedenfalls am „dodgy end“, was hier der Ausgang Breslauer Platz ist. Ich finde es aber spannend und irgendwie heimelig. Ich mag es, wenn mich nicht verstellen muss, wenn ich inmitten der vielfältigen Menschenschar einfach verschwinde und ungestört umherstreifen kann. Das Eigelsteinviertel beginnt wohl unmittelbar nach dem Breslauer Platz und zeichnet sich auf den ersten Blick durch kleine Gassen und alten Gebäudebestand aus. Ist der oberirdische Teil der nahegelegenen U-Bahn-Station noch sehr modern und metropolesk angelegt, zeigt sich danach ein ganz anderes Bild. Die Straße „Eigelstein“ ist verkehrsberuhigt und wurde nur teilweise modernisiert. Es gibt noch vereinzelte alte Fassaden, die im Straßenverlauf erstaunlich viele Brauhäuser beherbergen. Eigentlich werben alle mit ihrer Kölschen Originalität, aber aus einem Gasthaus wird eine Gruppe herausgeschwemmt, die den dortigen Oktoberfestnachmittag genossen hat. Der wird auch sichtbar plakatiert. Alle sind traditionell bayrisch gekleidet. Fesche Dirndl und zünftige Lederhosen werden ausgeführt. Die Oktoberfestzeit ist längst vergangen, aber hier ist der Start der Karnevalssaison bereits in greifbarer Nähe, da wird wohl jede Chance genutzt, sich zu verkleiden. Was mir beim Eintritt in die Straße besonders gefällt, ist der belebte Zustand an einem Sonntagnachmittag. Eine entzückende Mini-Ausgabe von St. Georg. Viele Menschen schlendern umher, stehen vor den Gaststuben und strömen aus den exotischen Supermärkten, die auch am Sonntag geöffnet haben. Ob anatolisch oder asiatisch, ich mag solche Märkte gern, weil sie so inspirierend sind. Einkaufen werde ich hier freilich nicht, weil ich in einem Hotel wohne und auf dem Zimmer außer Wasser eigentlich nichts brauche. Schade.

Mitten auf dem Eigelstein liegt das Hotel. Seltsam fremd mutet es an in diesem Mix aus bahnhofsnaher Internationalität und traditionellem Charme. Ein erster Gentrifizierungsbote vielleicht. Im Foyer leuchten Neonschriftzüge („Home is where the dom is“) und andere Weisheiten verzieren die Wände. Samtig-bunte Loungemöbel stehen einladend bereit und werden auch von jungen hippen Menschen belegt, die in ihre silbernen Notebooks schauen. Sofort fühle ich mich alt. Aber soweit ich weiß, gibt es keine Altersgrenze für eine Anmietung und so nenne ich meinen Namen und bekomme die Rechnung nur noch digital. Für den Nachreisenden: Lass die spießigen Klamotten zu Hause – Schmetterlinge statt Karos sind hier indiziert!

Da ich im Zug nichts gegessen habe, weil ich meine Maske nicht abnehmen wollte (viele Huster und Nieser waren mit an Bord), habe ich Hunger und mache mich nach dem Bezug auf die Suche nach einem Restaurant. Ein Brauhaus ist mir zu rustikal heute Abend, danach steht mir nicht der Sinn. Direkt am Fuße der Eigelsteintorburg, einem mittelalterlichen Stadttor, finde ich einen Asia-Imbiss. Der ist genau das Richtige für mich. Hier sitzen noch andere Single-Gäste und der erstaunlich, wenn auch erwartbar kurze Zeitraum von der Bestellung bis zum Servieren lässt kein Unbehagen aufkommen. Hier geht es in erster Linie darum, die Kunden möglichst schnell satt zu machen. Mich machen die vier Köche in ihrer winzigen einsehbaren Küche aber nicht nur satt, sondern auch glücklich. Ich genieße die beste Satay-Sauce (Nummer 4), die ich seit Langem gegessen habe. Sie stößt die inzwischen verklärtgeglaubte und bis dato unübertroffene Version aus einem chinesischen Restaurant im heimischen Bad Bramstedt von ihrem Thron. Während ich esse, wird eine Menge von Bestellungen abgefertigt. Sonderwünsche werden routiniert und lautstark in die Küche gerufen: „Nr. 16 ohne Zwiebeln – Nr. 28 mit Tofu – Nr. 6 nur mit Gemüse“. Das Treiben wird untermalt von einem chinesischen Orchester, dass ein Medley aus 80er Jahre Hits spielt. Das lässt mich mit einem Lächeln zurück.

Eigelstein ist übrigens eine alte römische Heerstraße. Über ihre Namensgebung ranken sich viele Geschichten. Der Stadtführer, dem ich im Vorbeigehen kurz zuhöre, mag diese am Liebsten: Die römischen Pinienzapfen, die hier viele Hausdächer zierten, sahen für die Einheimischen aus wie Eicheln. Daraus sei dann das mundartliche Eigelstein entstanden.

Inzwischen ist es dunkel geworden und die Neonröhren in der Eingangshalle meiner Unterkunft locken mich wieder hinein. Erst wollte ich schreiben: Ins Warme. Aber eigentlich ist mir nicht kalt, denn hier Köln ist es immer zwei, drei Grad zu warm für meine Garderobe. Ich verdränge das jedes Mal wieder.

The Slow Show

Am Samstagabend haben The Slow Show ein wunderbares Konzert in Hamburg gegeben und ich war dabei! Der geneigte Leser weiß, dass ich ein großer Fan von Gin Kiss bin. The Slow Show aber ist eine Band, die mich genauso begeistert. Genauer genommen haben mich die Musiker aus Manchester über die letzten Wochen und Monate nach sehr anstrengenden Tagen mit wenigen Takten immer vollkommen entspannen können. Es reichen wenige Worte von Rob Goodwin und seiner unverwechselbaren Stimme und alle Anspannung ist dahin.

Zu verdanken habe ich diese Entdeckung dem erlesenen Soundtrack von „Kitchen Impossible“.

Seit dem ersten Hören eines ihrer bekanntesten Stücke „Breaks Today“ war ich ihrem Sound verfallen. Unzählige Male habe ich die gesamte Playlist schon gehört. Auf meinem kurzen Arbeitsweg komme ich selten über 4 oder 5 Stücke hinaus. Aber selbst die stetige Wiederholung kann den Bann nicht brechen, ich kann immer wieder problemlos und unmittelbar in die Stimmung eintauchen. Inhaltlich ist meist von zerbrochener, verlorener oder unglücklicher Liebe die Rede. Aber das stört mich nicht. Mir spenden die Lieder Ruhe und lassen mich abschalten.

Während des Konzertes habe ich bemerkt, dass ich noch nicht einmal jede Melodie einem Titel zuordnen kann. Darauf achte ich meist gar nicht. Natürlich weiß ich während der letzten Töne eines Titels sofort, welcher gleich folgen wird. Ich weiß auch bei „Die drei ???“-Folgen bis Nummer 35 meist, was einer der drei Ermittler antworten wird, weil ich die Folgen so oft gehört habe. Vielleicht ist es eine Folge der Entspannung, dass es mich gar nicht interessiert, wovon genau gesungen wird. Ich hatte auch eine ganz andere Vorstellung von den Musikern selbst. Es passiert ja oft, dass das Kopfkino mit der Realität überspielt wird. Oder gedankliche Romanfiguren durch eine Verfilmung ersetzt werden. Manche Filme schaue ich mir aus Angst davor gar nicht erst an. Manchmal bleiben mir meine eigenen Bilder aber auch erhalten. In diesem Fall allerdings überhaupt nicht. Herr Goodwin hat eine so tiefe Stimme, dass ich mein Bild von ihm aus verschiedenen Männern wie James Earl Jones oder Alan Rickman zusammengesetzt hatte. Auf der Bühne aber Stand eine Mischung aus Michael Stipe und Tobey Maguire. Und eine erkennbar zarte Künstlerseele. Ein beeindruckender Mann, der zwischen seinen Bandmitgliedern schon deshalb hervorsticht, weil man ihren Beruf nicht allen direkt ansieht. Einzig der Schlagzeuger sieht mit seinem langen lockigen Haar, dass er im Takt schüttelt, aus wie ein Musiker. Der Pianist gleicht einem Anästhesisten und der Gitarrist eher einem Juristen. Jahrelanges Verfolgen von „Emergency Room“ und „The Guardian“ hat da wohl seinen Einfluss auf meine Assoziationen.

Für diesen musikalischen Abend in einer angenehm kleinen Location vergebe ich die Bestnote.

The floating piers

Aufgewacht bin ich am Sonntag nicht von dem Glockengeläut einer die vielen Kirchen hier am See, das wäre ja sehr spät gewesen. Geweckt hat mich das Gebimmel des nahegelegenen Bahnübergangs. Direkt am Hang fährt eine Regionalbahn recht regelmäßig entlang. Es muss sehr schön sein, an dieser Postkartenidylle entlang zu fahren. Dabei schmiede ich Pläne, einmal mit dem Glacier Express die Schweiz zu durchfahren. Das stelle ich mir wunderbar und gerade richtig luxuriös vor. Aber zurück zum Lago D‘Iseo. Das Frühstück nehmen wir mit bestem Blick auf das Panorama im Freien ein. Frisch gebackene Croissants, frische knusprige Panini, frisch selbstgepresster Orangensaft – perfekt.

Anschließend gehen wir zum Fähranleger, den wir gestern Abend erkundet hatten. Wir fahren mit einer kleinen Fähre zur Monte Isola. Einer hügeligen Insel, wie sie Michael Ende für seine Geschichten um Jim Knopf vor Augen gehabt haben könnte. Die kurze Überfahrt ist wackelig und nur leicht erfrischend, weil ich im Heck Platz genommen habe. Macht aber nichts, ich sauge ohnehin nur die Umgebung auf, ich kann mich gar nicht satt sehen. Es ist alles wie gemalt hier. Auf der Insel angekommen, entdecke ich ein dezentes Plakat, das in das Jahr 2016 zurückweist. Damals hat hier der Künstler Christo das erste Großprojekt ohne seine Frau vollendet. Schwimmende, dahliengelbe Stege umgaben die Insel und führten hierher. Blimey – muss das schön gewesen sein! Selbst erlebt habe ich seinerzeit den von Christo und Jeanne Claude umhüllten Reichstag in Berlin. Das war so beeindruckend, dass ich mich auch knapp 30 Jahre später noch sehr genau an die unglaubliche Stimmung vor Ort erinnern kann. Prägender und eindrucksvoller kann zeitgenössische Kunst kaum sein. Man bekommt eine vage Vorstellung davon, wie es war, zu Zeiten anderer großer Künstler gelebt zu haben.

Auf der Insel trennen wir uns in kleinere Grüppchen mit unterschiedlichen Zielen auf. Ich bleibe im Hafenörtchen Carzano, wo mich ein kleiner öffentlicher Strand begrüßt. Wie in Friedrichskoog liegt man hier auf Rasen, hat aber Olivenbäume als Schattenspender. Es gibt außerdem einen kleinen Hafen für Motorboote, an dem immer wieder Familien festmachen, die sich hier kurz erfrischen und dann weiterfahren. Es wird viel italienisch gesprochen, scheinbar genießen viele Italiener entweder den Sonntag oder ihren Urlaub am See.

Der kommende Dienstag, 15. August, ist in Italien Ferragosto. Das ist nicht nur ein katholischer Feiertag, sondern auch der Wendepunkt des Sommers, der gemeinhin heißeste Tag des Jahres. Es arbeitet also nur, wer unbedingt muss. Viele Italiener machen zu dieser Zeit Sommerurlaub und mischen sich an den Küsten unter die ausländischen Gäste. Das erklärt den extremen Reiseverkehr Richtung Adria am gestrigen Samstag. Es ist außerdem ein wichtiges Familienfest, ähnlich dem Thanksgivingtag in den USA. Obwohl das sich bietende Bild natürlich ein vollkommen anderes sein dürfte, als jenes im überwiegend kalten nordamerikanischen November. Hier soll es aus diesem Anlass an vielen Orten auch nächtliche Feuerwerke geben.

Der See scheint sehr fischreich zu sein, große Hinweistafeln zeigen verschiedene Fischarten, die hier heimisch sind. Um Fischer zu beobachten, bin ich aber natürlich viel zu spät unterwegs. Einen Fischladen entdecke ich allerdings und ja, dort gibt es eine recht große Auswahl an frischem Fisch. Bei der Gelegenheit muss ich auch noch einmal betonen, wie schön es war, in einem Ferienhaus gewohnt zu haben. So konnten wir einige lokale Spezialitäten frisch kaufen und verzehren. Tomaten, Mozzarella, Pecorino, Schinken oder Wein. In der Heimat werde ich vermehrt auf die Herkunftsregion achten und mich auch auf diese Weise gern zurückerinnern.

Carzano ist übrigens Mitglied im Nationalen Verband der Ölstädte Italiens. Der Verband fördert unter anderem die Herstellung von Olivenöl. Leider fliegen wir zurück und so kann ich hier wegen der erschwerten Transportbedingungen kein Olivenöl kaufen. Vielleicht gibt es etwas Schönes am Flughafen.

Am Hafen finde ich einen Nasoni, ein Trinkwasserbrunnen, an dem man sich gratis erfrischen, etwas trinken oder Wasser abfüllen kann. Hier heißt er vielleicht anders als in Rom, wo man Tausende davon finden kann, aber er hat den typischen nasenartigen Hahn, deshalb nenne ich ihn einfach so.

Nach rund einer Stunde treffe ich wieder auf meinen Beifahrer und wir setzen uns zusammen vor eine Bar am Fähranleger und erfrischen uns mit einem Lemon Soda auf Eis. Die Stühle und Schirme sind im ausgeblichenen Sommerblau des Eislieferanten gehalten und verleihen dem Gelände den typischen morbiden Charme, den ein heißer italienischer Sommernachmittag unbedingt braucht. Und sie passen ausgezeichnet zu den blau-weiß-gestreiften Dalben, auf die wir schauen.

Der Allrounder hat nach seinem langen Marsch auf der Insel noch den Weg zu unserem abendlichen Wunschrestaurant erkundet. Es heißt übersetzt „Weinkeller“, liegt zwar oben am Hang, klingt aber trotzdem vielversprechend, finde ich.

Il paradiso delle vacanze

Am Samstag der erste Abschied – wir brechen wieder auf Richtung Norden. Die Aussicht auf den toskanischen Hang werde ich sehr vermissen. Ein letztes Mal rollen wir unsere Auffahrt hinab. Unten angekommen danken wir den Göttern dafür, dass wir nie Gegenverkehr hatten. Wie man sich dann verhält, wird uns zum Glück ein Rätsel bleiben.

Auf unserem Weg zur Autobahn folgen uns wieder diverse einheimische Drängler, für die die Geschwindigkeitsschilder offenbar nicht gelten. Als wir abbiegen und ein Drängler endlich vorbeiziehen kann, wird sogar gehupt. Man scheint recht reizbar zu sein am Samstag.

Unsere Route führt uns zunächst von Lucca nach Parma und auf diesem Streckenabschnitt ist es sehr voll und wir stecken alle paar Kilometer in zähflüssigem Verkehr oder Stau. Gerade, als ich anfangen möchte, zu jammern, biegen wir ab in die Berge und verlassen die Toskana, streifen kurz Ligurien und fahren dann in die Lombardei. Eine wunderschöne Landschaft mit einem entzückenden Wappen: Die Camunische Rose in Silber auf grünem Grund.

Sie ist den prähistorischen Felsritzungen von Valcamonica nachempfunden, die in der Provinz Brescia gefunden wurden.

Auch die Autobahnstrecke ist wunderschön. Wir fahren wieder durch Berg und Tal, überqueren viele Brücken und durchfahren noch mehr Tunnel. Alle Brücken und Tunnel haben hier hübsch klingende Namen wie Montanesi oder Campora. Es sind so viele, ich kann mir leider nur wenige merken. Untermalt wird die gemächliche Fahrt von einem eigenen Musikmix, weil in den Tunneln meist der Radioempfang aussetzt. Fast schade, denn heute ist Samstag und damit wieder kulinarisches Programm angesagt. Die Moderatoren (und Gäste?) sprechen über leckere Gerichte. Jedenfalls ist das alles, was ich heraushören kann – Caprese, Carbonara, Panna Cotta und dergleichen mehr. Aber nur fast, denn Charlie Cunningham und Rob Goodwin von The Slow Show funktionieren sehr gut bei durchschnittlich 110 Stundenkilometern ohne viele Überholmanöver.

Wir haben uns entschieden, ohne Unterbrechung durchzufahren. Also rauschen wir vorbei an Carrara. Zumindest die übrigen Insassen können weiße Felsblöcke und Verladestationen am Straßenrand sehen, ich muss geradeaus schauen. Links liegen lassen wir auch Cremona, die Wirkungsstätte Antonio Stradivaris, der hier um 1700 sagenhafte Instrumente gebaut hat. Seine Geigen werden heute immer noch gehandelt. Ein Geigenmuseum im Ort gäbe uns sicher noch weitere Informationen, aber wir halten nicht an, sondern fahren durch bis zum Lago D‘Iseo. Und der Ausblick, den wir von der Straßenabfahrt von einem Hügel aus haben, entschädigt für den Verzicht. Vor uns liegt eine atemberaubende Berg-und-See-Idylle. Türkises Wasser und sattgrüne Hänge, dazu ockerfarbene Gebäudesprenkel überall. Paraglider und Segelboote runden Utopia ab. Später wird es so zusammengefasst: Wir sind von einem Paradies ins nächste gefahren.

Vor dem Paradies Nr. 2 hatten wir allerdings einen kleinen WC-Stopp gemacht. Eine unbemannte Raststätte mit selbstreinigendem WC-Bereich. Wie in einer dystopischen unterirdischen und fensterlos brutalistischen Anlage öffnen sich metallene Schiebetüren nur nach digitaler Anweisung auf Knopfdruck. Hat jemand den Raum verlassen, schließt sich die Tür und der Raum wird komplett gereinigt mit einem lauten Wasserstrahl. Öffnet er sich für den nächsten Besucher, tropft es noch vom Interieur. Unheimlich ist das geradezu. Es ist zwar wohlriechender als in herkömmlichen vergleichbaren Etablissements, aber der Besuch dort wird trotzdem möglichst kurz gehalten und auf keinen Fall werden irgendwelche Knöpfe gedrückt, deren Wirkungsweise nicht eindeutig ist.

In unserem Ort Sale Marasino angekommen, biegen wir in eine Tiefgarage eines entzückend gelegenen kleinen Hotels ab. Mit bestem Blick auf den See. Das ist wirklich ein krönender Abschluss und an Urlaubsfeeling kaum zu übertreffen. Unsere Zimmer sind alle klimatisiert, es gibt einen Pool, Drinks auf der schattigen Terrasse und am Abend ein feines sternewürdiges Essen. Ich könnte sagen, es bleiben keine Wünsche offen. Aber wir wünschen uns eigentlich alle ein rustikaleres Abendessen mit mehr Italien-Flair. Morgen werden wir deshalb eine kleinere Trattoria suchen. Diese Suche war heute bei einem ersten Spaziergang noch erfolglos geblieben. Die kleinen Gassen am Hang waren am späten Nachmittag noch menschenleer. Es war einfach zu warm.

Erwartungen und Gewohnheiten

Wir reisen nun im 21. Jahr miteinander. Bisher sind immer nur neue Mitglieder dazugestoßen. Auch wenn wir inzwischen alle erwachsen sind und unsere Gewohnheiten und Schrullen mehr oder weniger hinnehmen müssen, weil wir sie uns ohnehin nicht mehr abgewöhnen werden, ist es dennoch sehr angenehm, dass wir sie ausleben können. Gelegentlich wird jemand belächelt, weil eine Aktion oder Reaktion sehr voraussehbar ist, aber im Großen und Ganzen wissen wir unsere Stärken und Schwächen doch sehr zu schätzen. Heute Morgen zum Beispiel habe ich die Geschirrspülmaschine ausgeräumt und dabei wie Melvin Udall gedacht: Schön eingeräumt. Genauso hätte ich den Platz für das Geschirr auch genutzt.

Gestern sind wir auf einen Parkplatz gefahren und mein Leitfahrzeug hat zum wiederholten Male einen relativ abgelegenen Platz angesteuert, den ich aus guten Gründen ebenfalls ausgewählt hätte. In kleinerer Zusammensetzung wird dieses zugegebenermaßen leicht neurotische Verhalten zwar inzwischen toleriert, bleibt aber selten unkommentiert. Hier ist es akzeptiert und wird hingenommen. Das ist sehr schön und macht so einen gemeinsamen Urlaub doch auch zu einem besonderen Vergnügen. Ich freue mich auch wegen dieser Kleinigkeiten immer auf unsere gemeinsame Zeit. Wir können dadurch auf unseren Reisen immer auf mindestens eine Fachkraft zurückgreifen, wenn es nötig ist. Wir decken verschiedenste Spezialgebiete ab, da wären

– die Tierschützerin: Immer im Einsatz und nach ihrem Naturjahr kann sie ihre Ermahnungen auch mit fachkundigen Ausführungen ergänzen.

– der Allrounder: Wäscht die Spülmaschine nicht richtig? Hakt eine Tür? Ist der Pool nicht sauber? Nach einem fehlerhaften Durchgang können wir sicher sein, dass das Problem anschließend still und leise behoben sein wird.

– der Reiseführer: Er inspiriert und bereitet unsere Ausflüge inhaltlich vor und ist immer informiert über die Begebenheiten und Wege vor Ort.

– die Grundrauscherinnen: Sie lenken den normalen Betrieb, sorgen für Sonnenschutz, wenn er benötigt wird, oder organisieren die Wäsche. Ihre Haupttätigkeit findet im Vorfeld statt und zahlt sich im Idealfall nun stetig, aber unauffällig nach und nach aus.

– die IT-Techniker: Sie lenken die Geschicke meist unterwegs, wenn Informationen schnell benötigt werden. Ihre Endgeräte haben immer ausreichende Akku-Kapazitäten, wenn andere längst erschöpft sind.

Ich muss zugeben, dass ich in diesem Jahr eine eher passive Rolle einnehme. Ich schätze es außerordentlich, mich leiten und lenken zu lassen und mich um nichts kümmern zu müssen. Insbesondere die zweite Position in unserem Konvoi ist eine überaus angenehme Begleiterscheinung, die ich ja schon öfter genossen habe. Insgesamt ein Zustand, den ich in dieser Form nur aus dem Urlaub kenne, der aber enorm zu einer erwünschten Entspannung beiträgt.

La torre pendente

Am Donnerstag ist es wärmer als an den vergangenen Tagen. Schon am schattigen Morgen. Aber gut, dann trocknet auch noch unsere Wäsche. Wir okkupieren die Waschmaschine für Gäste mehr als die anderen Parteien. Heute ist in den beiden weiteren Wohnungen zwar Bettenwechsel, aber schon vorher habe ich keine fremde Wäsche gesehen. Wir müssen die Maschine nutzen, weil wir aus Platzgründen mit reduziertem Gepäck unterwegs sind.

Unser Programm für heute ist Pisa. Wir fahren mit dem Auto nach Pescia und von dort mit dem wunderbar klimatisierten Zug nach Lucca und von dort nach Pisa. Die italienischen Regionalzüge, die wir genutzt haben, sind einwandfrei pünktlich, angenehm temperiert, sehr gut organisiert und beschildert. Alle Eskapaden, die sich hierbei ergeben haben, hatte nicht die Bahngesellschaft verschuldet, das muss ich noch einmal betonen.

An der ausgewiesenen Station zum schiefen Turm werden wir durch zahlreiche Schilder verlässlich geleitet und können den Turm nach zwei Kreuzungen schon sehen. Nur die Sonne, die brennt heute unerbittlich. Ich muss noch einen Fächer kaufen, weil ich mein mitgebrachtes Exemplar natürlich heute im Ferienhaus gelassen habe. Ein schön kitschiges Modell immerhin mit Pisas Sehenswürdigkeiten darauf.

Der schiefe Turm ist Teil einer Domanlage und war als freistehender Glockenturm geplant. Es gehören noch zwei weitere, außerordentliche schöne Gebäude zu dem Ensemble. Die Anlage ist am Rand der Altstadt gelegen und von einem Park (ohne Bäume oder nennenswerten Schatten) umgeben. Kein Automobilverkehr stört den Touristenstrom und keine Abgase verdunkeln das Gemäuer. Frisch und weiß wie am ersten Tag leuchten die Gebäude, dass es eine Freude ist. Auch über 800 Jahre nach dem Bau. Mit dem Turm verhält es sich wie mit vielen Monumenten: Man muss vor Ort gewesen sein, um sich ein authentisches Bild zu machen. Man muss die Atmosphäre genossen, die Umgebung inhaliert und die Farben mit eigenen Augen gesehen haben. Das kann kein Bild oder Film ersetzen. Im Nachhinein ist ein Film natürlich schön, weil man, einmal da gewesen, diesen dann ganz anders wahrnimmt. Der schiefe Turm ist jedenfalls einer meiner Höhepunkte dieser Reise. Es ist auch spannend, sich zu überlegen, wer auf diesen Pfaden bereits gewandelt ist. In Florenz gingen ja die ganz Großen durch die Jahrhunderte ein und aus. In Pisa waren auch viele Künstler und Wissenschaftler häufige Besucher. Der Legende nach hat Galileo Galilei, einer der berühmtesten Söhne der Stadt, im schiefen Turm die Fallgesetze entdeckt.

Erfreulicherweise besuchen die meisten Touristen nur den Turm. In der Altstadt herrscht viel weniger Betrieb, was sehr angenehm ist. Vielleicht ist es Vielen heute auch einfach zu warm. Ich finde es in der schattigen Fußgängerzone durchaus erträglich. Hier sind neben einigen niedlichen Lädchen mit besonderem Sortiment auch immer wieder sehr schöne Hausfassaden zu bewundern. Der Ausflug nach Pisa hat mir ausnehmend gut gefallen.

Oben am Hang und Haus ist der Parkplatz leer – keine neuen Urlauber – wir haben morgen also den Pool ganz allein für uns!

Tre giorni in Toscana

Der Montag beginnt wie immer sehr ruhig mit einem späten Frühstück. Gegen Mittag fahren wir in die nahegelegene Stadt Lucca, die uns mit ihrem historischen Charme verzaubert. Die Mischung aus Gamla stan und Rom wird von einer sehr gut erhaltenen Stadtmauer umgeben.

Es ist die Geburtsstadt von Giacomo Puccini. Der Komponist lebte in der Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ich habe seine Daten immer viel weiter in der Vergangenheit vermutet. Aber nein, sein Wirken liegt erst 100 Jahre zurück. Er liebte schnelle Autos und das Reisen. Einige seiner Werke spielen in fernen Ländern, die er wahrscheinlich selbst besucht hat, weil sein beruflicher Erfolg ihn schon zu Lebzeiten zu einem vermögenden Mann gemacht hat. Jedenfalls ist sein Elternhaus heute ein Museum hier im Ort.

In der Stadt sind trotz der nachmittäglichen Hitze viele Touristen unterwegs. Auch einige Kreuzfahrergruppen werden durch die schönen Gassen geführt. Wir bummeln recht ziellos umher, kaufen ein paar Souvenirs und gönnen uns eine Erfrischung in einer Bar. Dort beratschlagen wir auch, was wir heute noch essen wollen. Ein Restaurant wird recht schnell verneint. Wir haben ja noch genug Vorräte, die vertilgt werden müssen. Ich hatte beim Großeinkauf ein Fläschchen Teriyaki-Sauce in den Wagen gelegt. Eigentlich als mögliche Fleischmarinade. Aber wir haben später beschlossen, dass wir in diesem Urlaub einmal nicht grillen werden. Nun muss die Sauce anderweitig Verwendung finden. Das löst eine Diskussion darüber aus, ob wir während des Italienurlaubes auch Speisen zubereiten wollen, die aus anderen Regionen stammen. Ein Teil sieht darin kein Problem, denn wir lassen uns schließlich auch in der Heimat nicht auf regionale Spezialitäten beschränken. Der andere Teil möchte aber in der Italienwelt bleiben. So wird das Problem erst einmal vertagt, wir werden Spaghetti Carbonara essen.

Auf dem Weg nach Hause halten wir noch einmal am Supermarkt und kaufen ein paar Kleinigkeiten. Bei acht Reisenden ist der Wagen aber auch mit Kleinigkeiten ganz gut gefüllt. Jedenfalls werden wir den Dienstag gut überstehen.

Am Dienstag bleiben wir wieder am Haus und urlauben ohne Programm. Eine Teilmenge (die sportliche Hälfte) macht sich auf, unsere meilenlange Auffahrt von Brombeerästen, größerem Geröll und Astwerk zu befreien. Sehr anstrengend, aber auch sehr löblich. Jetzt können wir wesentlich geschmeidiger hinauf- und hinabrollen.

Am Mittwoch müssen wir früh aufstehen und abfahren Richtung Florenz. Wir fahren bis zum Stadtrand und parken an der Universität. Direkt vor dem Parkhaus fährt die Straßenbahn Richtung Innenstadt. Der Ticketkauf ist ein Klacks und nach fünf Stationen sind wir schon mitten in der Altstadt. Vor uns erstrecken sich die Basiliken und Kathedralen in ungewöhnlich grün-grauem Stein. Das ist sehr schön anzusehen. Die Gebäude sind ja groß, deshalb können wir sie ausgiebig betrachten, obwohl die Stadt voller Touristen ist. Menschenmassen schieben sich durch die Straßen. Es ist Hochsaison, da darf ich mich nicht wundern. Florenz ist eine der meistbesuchten Städte Italiens. Am Nachmittag haben wir Karten gebucht für die Uffizien. Das Kunstmuseum beherbergt eine der wichtigsten kunsthistorischen Sammlungen der Welt. Ich kann auch bestätigen, dass dort viele schöne Werke zu sehen sind. Florenz selbst ist nach eigener Bewerbung eine Renaissance-Metropole. Und der Schwerpunkt der Uffizien liegt ebenfalls auf der Renaissance. Botticelli, Da Vinci, Michelangelo – alle sind sie hier vertreten. Allerdings kann mich die Präsentation nur bedingt begeistern. Meine Erwartungen waren scheinbar einfach zu hoch. Die Galleria Borghese in Rom oder die National Gallery in London können das sehr viel besser. Die Vatikanischen Museen muss ich aus diesem Ranking herausnehmen. Sie sind durch die schiere Größe und Unermesslichkeit eine Klasse für sich. Das Gebäude der Uffizien ist jedenfalls recht nüchtern, Name und Ursprung hätten es verraten können. Es gibt zwar wunderschöne Deckenfresken, aber die Säle selbst sind nicht so prachtvoll wie die Ausstellungsräume anderer Häuser. Trotzdem habe ich eine Menge weltberühmter Werke bestaunen können und die Marmorstatuen und -büsten von Sagengestalten oder alten Philosophen sind immer einen Besuch wert.

Sieht Socrates nicht wie ein sehr netter Mensch aus?:

Domenica tranquilla

Am Sonntag schlafen wir alle aus. Einer stürzt sich in der morgendlichen Kühle des Berghanges in den Pool. Die andere lässt eine Waschladung laufen. Das Wetter ist herrlich hier oben. Zumal auch noch keine Sonne über den Hang kommt – angenehme 22 Grad mit einer leichten Brise.

Das Frühstück findet erst gegen Mittag statt. So muss ein Urlaubstag sein: Keine Pläne, einfach den Tag genießen und machen, was immer gerade in den Sinn kommt.

Unsere Nachbarn haben uns heute Vormittag das WLAN-Passwort verraten. Das ist schon mal ein guter Start – endlich wieder in der Zivilisation! Es gibt hier im Haus kein TV-Gerät. Der erste Urlaub ganz ohne bewegte Bilder. Bei dieser Gelegenheit kann ich ja einfach mal meine Rezension des Barbie-Kino-Filmes einstreuen. Davon muss ich ja nun zehren, bis wir wieder zurückreisen.

Barbie als Realverfilmung! Lange schon wurde mir der Film mit zahlreichen Vorschauen und Bildern in den sozialen Medien angekündigt. Und diese Ausschnitte waren überaus vielversprechend. Erwartet habe ich einen Film mit seichtem Humor und romantischem roten Faden. Gesehen habe ich eine grelle Komödie mit gelungenen, dezent eingestreuten Musicaleinlagen und zahlreichen sozialkritischen Gags. Ich habe 114 Minuten lang gegrinst, zwischendurch immer mal wieder laut gelacht und dafür wurde das Kino doch erfunden. Da jede weitere Zeile zu viel für die verraten würde, die bisher nicht zum Rekordeinspielergebnis beigetragen haben, schließe ich mit meiner Bewertung: 8 von 10 atemberaubend hohe High Heels.

Ansonsten macht eine Teilmenge sich auf, die Basilika am gegenüberliegenden Hang zu besuchen. Diese Wanderung ist aber eher eine Expedition, die nach der Sichtung einer Schlange, eines Salamanders, einer mittelgroßen Spinne und Schmetterlingen durch einen umgestürzten Baum gestoppt wird. Immerhin kreuzten keine großen Tiere den Weg, es soll hier wilde Hunde, Wildschweine und Bären geben. Ein kleines Abenteuer immerhin.

Ich genieße den ganzen Tag die wunderbare Aussicht, die ich von der Terrasse aus habe. Üppig grüne Hänge, die sich im Licht- und Schattenspiel der wenigen Wolken zu bewegen scheinen. Wären da nicht die vereinzelten Carcassonne-Siedlungen, sähe es aus wie der Fangorn Forest. Der Anblick wird sich mir einprägen wie viele andere Urlaubsbilder. Reisen ist einfach etwas Wunderbares. Mein mobiles Bildarchiv umfasst mittlerweile mehrere Tausend Bilder, die ich mir aber immer mal wieder vereinzelt ansehe. Alle Erinnerungen sind also immer bei mir.