To lay the dust

Heute am Abreisetag fällt leichter Sprühregen und es ist ziemlich kühl. Unsere geplante Cabrio-Busrundfahrt ist akut gefährdet.

Zunächst wird aber gefrühstückt in einem klitzekleinen Café namens Dolci. Das Interieur ist eine Mischung aus italienischem Floralflair und der poppigen Farbpalette einer Häuserzeile in Miami. Die Betreiber sind zwei mürrisch blickende junge Herren, denen die einheitliche Kleidung so gar nicht passt. Unter der türkisblauen Oberbekleidung blitzt etwas zu viel Haut hervor. Es ist alles zu eng und zu kurz. Aber die Verachtung, mit der sie ihre Uniform tragen, ist durchaus sympathisch. Und sobald sie sprechen, ist sowieso alles vergessen: Schönstes schnodderiges London-Englisch. Es gibt Sandwiches und frisch gepressten Orangensaft. Full English Breakfast hätte es auch gegeben, aber danach ist mir heute nicht. Und für die schrillbunten Gebäckteilchen ist es mir noch zu früh.

Wir müssen uns nun entscheiden, welchen Weg wir gehen. Eiskalte Berieselung in einem Bus ohne Dach oder doch lieber ein Spaziergang über die Portobello Road und durch den Hyde Park zurück. Beides wäre trocken schöner, aber wir wollen nicht klagen.

Es wird die Rundfahrt! Abfahrt Victoria Station. Der Bus hat gepolsterte Sitze, das ist schon mal ein gewisser Luxus. Wir sitzen direkt hinter dem Dach. Es sollte also bitte einigermaßen trocken bleiben. Nach ein paar Stationen werden die vordersten Plätze frei für uns Glückskinder. So schauen wir wieder aus der Loge auf das Geschehen. Es ist am Samstag wesentlich voller auf den Straßen. Menschentrauben überall. Schön, dass wir nicht mittendrin sind.

Die Kommentare im Bus wurden ganz frisch aktualisiert. Es ist bereits vom König die Rede. Außerdem erfahre ich viele neue Details, die ich entweder nicht kannte oder vergessen hatte. Meine letzte Rundfahrt ist immerhin 11 Jahre her. Am Marble Arch stand zum Beispiel einst der Tyburn Tree, an dem gleich drei Verurteilte zugleich gehängt werden konnten. Dieses wöchentliche Spektakel haben sich die Menschen nicht entgehen lassen. Es wurde gefeiert und ordentlich getrunken. Weil es vielen am nächsten Morgen nicht so gut ging, hat sich daraus der Begriff „Hangover“ abgeleitet. Oder der unscheinbare Greenpark, er wurde in früheren Zeiten sehr gern für Duelle genutzt. Außerdem hat Händel dort in der Sonne sitzend seine Feuerwerksmusik komponiert. Solche Sachen. Zwischen den Beiträgen läuft leider kein Händel, sondern ein Geschwurbel, das klingt, als wäre es in stark berauschtem Zustand entstanden.

Nach 90 Minuten wird es uns beiden recht kalt. Wir halten noch 30 weitere Minuten durch und entscheiden uns, am Temple-Areal auszusteigen. Die restliche Strecke hatten wir schon zu Fuß erkundet, das wird uns nicht fehlen. Es ist trocken geblieben! Der Regen hat gegen 12 Uhr aufgehört, nachdem sich aller Staub gelegt hatte.

Wir fahren zurück zum Earls Court. In der U-Bahn werden meine Finger wieder warm. Um uns aber richtig aufzuwärmen, beschließen wir, in das Lokal vom gestrigen Abend zu gehen und noch einen Salat zu genießen. Der schmeckt wieder köstlich. Danach müssen wir wohl oder übel zum Hotel zurück und unsere Koffer abholen. Die Piccadilly-Line fährt dieses Wochenende nicht nach Heathrow und wir müssen einen Umweg über Paddington Station machen und die Elizabeth-Line nehmen. Eine Namenskombination, die nicht nur zur Tea-Time wunderbar funktioniert. Die Fahrt in der royal violett gehaltenen Bahn ist sehr angenehm ruhig, sauber und organisiert. Geradezu beruhigend, zumal auch kein Fahrgast laut telefoniert oder anderweitig unterhält. Es scheinen überwiegend müde Reisende unterwegs zu sein. Ein wenig fehlt mir der Schrabbelcharme der blauen Piccadilly-Line schon, aber auch so kommen wir pünktlich am Flughafen an. Es folgen ein sehr angenehmes Bordkartendrucken und die Gepäckaufgabe. Beides vollautomatisiert und reibungslos. Die Schlange vor der Sicherheitsschleuse ist am frühen Samstagabend auch übersichtlich und wir sind nach 15 Minuten im Wartebereich. Den finde ich nach vielen Flügen und vielen Jahren inzwischen erstaunlich langweilig. Immer gleiche Geschäfte und Produkte. Auch kann ich keine attraktiven Preisnachlässe erkennen, deretwegen ich unbedingt hier meinen Gin, mein Parfum oder meine Schokolade kaufen sollte. Harrods hat seine kleine Außenstelle für die unternehmenseigenen Devotionalien am Flughafen offenbar aufgegeben. Sollte man also eine obligatorische Tasche mit Hund als Souvenir erwerben wollen, muss man nun doch direkt zur Knightsbridge fahren. Das ist ja als urbaner Mensch ansonsten entbehrlich. Es ist und bleibt ein Kaufhaus, dessen Exklusivität und das Versprechen, aber auch wirklich alles anzubieten, der gemeine Tourist ja doch nur mehr oder weniger fasziniert von außen beobachtet. Manche Türen bleiben verschlossen. Wurde der Löwe Christian nicht auch hier gehandelt? Seine Geschichte ist am Ende immerhin gut ausgegangen.

Im Terminal 5 gibt es drei Gate-Bereiche, die, wird das Gate erst einmal angezeigt, am schnellsten mit der hauseigenen U-Bahn erreicht werden. Das lässt schon Rückschlüsse auf die Größe des Flughafens zu. Aber unsere Maschine steht heute derart abseits, dass ich lange das Gefühl habe, wir führen zurück nach Hamburg. Irgendwann werden wir allerdings schneller und heben ab.

Kurz vor der Landung wird uns eben diese vom 1. Offizier angekündigt, allerdings sagt er, dass uns München mit gemäßigten Temperaturen erwartet. Aber unter uns sind definitiv die Lichter des Hafens auszumachen, es geht doch nach Hause.

Das war der London-Trip im März 2023. Kurz und schön.

Stick to your ticket

Heute geht es wieder auf nach Hogwarts. Für mich zum dritten Mal, für meine Begleitung zum ersten Mal. Die Harry Potter Studios in Leavesden erwarten uns.

Der Bus fährt wie gewohnt von der Victoria Coach Station ab. Dann am Buckingham Palace vorbei Richtung Watford. Eine halbe Stadtrundfahrt, zumal wir auf den Heinz-Schenk-Gedächtnisplätzen sitzen und beste Sicht auf die Straßen haben. So ein Busfahrer muss schon angstfrei unterwegs sein. Wir fahren durch enge Gassen und immer haarscharf an Ampelanlagen und parkenden Fahrzeugen vorbei. Nach rund 40 Minuten kommen wir am unverkennbar sandbeige gehaltenen Studiogelände an. Von jetzt an heißt es T-minus-4-einhalb Stunden, dann müssen wir wieder am Bus stehen. Hat das die letzten beiden Male gereicht, wird es heute etwas hektisch gegen Ende werden. Aber erst einmal hinein.

Auch wenn zwischen diesem und meinem letzten Besuch nur 7 Monate liegen, hat sich doch wieder einiges verändert. Das Foyer wurde neu dekoriert, seit 1.3.23 steht alles unter dem Stern der beiden Weasley-Brüder und ihrem Scherzartikelunternehmen. Schön orange-rot-violett-bunt. In der Ausstellung gibt es nun ein animiertes Feuerwerk in der großen Halle zu sehen, das die beiden während der OWL-Prüfungen zünden. Gute Unterhaltung zu Beginn der Tour.

Im Privet Drive wurde nun auch Nr. 3 geöffnet und darin Harrys Zimmer aus Teil 2 eingerichtet. Harry und Dobby sind beide zu bewundern.

Die Grafikabteilung wurde durch vollausgestattete Arbeitsplätze und Videobotschaften der Künstler ergänzt. Das ist äußerst interessant. Hier halte ich mich ungewöhnlich lange auf, sonst bin ich ja ein Schnelldurchläufer.

Selbst im obligatorischen Shop wurde das Sortiment bis auf Schlüsselanhänger und dergleichen komplett ausgetauscht. Das Ganze ist zwar eine recht kostspielige Unternehmung, aber in meinen Augen jeden Euro wert. Ich habe auch dieses Mal einiges entdeckt, das mir bisher entgangenen war, oder das bisher nicht ausgestellt wurde.

Die Rückfahrt dauert etwas länger, weil der Wochenendverkehr noch die Straßen belebt. In South Kensington fragt der Busfahrer in die Runde, ob schon jemand aussteigen möchte. Und das möchten wir, denn hier können wir noch all die schönen Museumsgebäude anschauen. Für einen Besuch der Ausstellungen ist es allerdings schon zu spät. Wir schauen nur von außen. Leider nieselt es ein wenig, so dass wir nach einer Weile die zwei Stationen bis zum Earls Court zurückfahren. Aber den hübschen Platz an der South Kensington Station, an dem wir im letzten Sommer mehrfach gefrühstückt haben, konnten wir ebenfalls noch erkunden.

Unser Abendessen ist heute italienisch, oder wenigstens italienisch angehaucht. Die Spaghetti Carbonara kamen mit Chorizo und ohne Käse. Der Salat kam mit Harissa-Gewürz und das Dessert war eine Limoncello-Tarte. Also alles in allem ein multikultureller Mix, der aber gut funktioniert.

Devilshly good looking

Tag zwei beginnt mit dem hoteleigenen Frühstück. Trotz Eier- und Gemüsekrise bekommen wir für 10 Pfund ein erstklassiges Full English Breakfast. Gurken, Tomaten, Eier in drei Aggregatzuständen, vier Sorten Cheddar. Bohnen und Würstchen sowieso. Es bleiben keine Wünsche offen.

Nach dem Frühstück geht es mit der District Line Richtung Tower Hill. Der umwerfende Blick am Ausgang der Bahnstation auf den Tower und die Tower Bridge wird erwartungsgemäß mit Begeisterung aufgenommen. Schön. Ich bin ja auch hier immer wieder gern, eigentlich natürlich überall, aber an manchen Orten noch viel lieber. Jedenfalls ist die Tower Bridge das, was ich „iconic“ nennen möchte. Wir bestaunen den Blick vom Ufer aus und laufen einmal um die Burganlage herum. Hinein gehen wir nicht, weil das einfach zu viel Zeit kostet. Es ist im Sommer auch noch schöner. Vielleicht beim nächsten Mal wieder. Von hier aus laufen wir nun am Monument vorbei durch die pittoreske Bow Lane zur schönsten Daunt Books Filiale, ich muss einen neuen Beutel kaufen und nehme noch zwei Bücher mit. Von dort sind es nur noch wenige Schritte bis zur St. Paul’s Cathedral. Die betrachten wir auch nur von außen. Der Eintrittspreis steigt jedes Jahr, dafür bin ich inzwischen zu geizig. Gegenüber der Kathedrale liegt der Knightrider Court, der uns direkt auf die Millennium Bridge führt. Es ist bestes Wetter und wir haben einen schönen Blick auf die Tower Bridge auf der einen und das London Eye auf der anderen Seite. Letzteres ist zwar noch 1,4 Meilen entfernt, aber zu sehen ist es trotzdem ganz gut.

Wir besuchen heute endlich mal wieder das Foyer des Shakespeare Globe Theatre. Viel mehr ist nicht drin. Führungen heute leider keine und die nächste Vorstellung (die als makabere Verrücktheit angepriesene Rache-Tragödie Titus Andronicus) gibt es erst morgen Abend. Es ist mir dafür aber auch zu kalt. Ich scheine auf meine alten Tage mehr und mehr von der britischen Lebensart zu verlieren? Einheimische haben ihre Shorts bereits herausgeholt und ihre Jacken zu Hause gelassen. T-Shirts sieht man in der Sonne zahlreich über rotweiße Leiber spannen. Das kann ich mir im Augenblick nicht vorstellen. In den U-Bahn-Schächten herrscht ja ganzjährig ein mediterranes Klima von trockenen 25 Grad. Aber über der Erde ist es im Schatten noch isländisch frisch bei 7 Grad.

Um unsere Kräfte zu schonen, gehen wir nicht an der Themse entlang Richtung Westminster, sondern über das gefällige Borough Yards Gelände zur nächsten U-Bahn-Station London Bridge. Der Borough Market ist ein dem Isemarkt nicht unähnlicher Delikatessenmarkt. Herrliche Dinge gibt es hier zu sehen und zu riechen. Für die Touristen oder die wohlhabenden Londoner gibt es edle Frischwaren und Spirituosen. Von Rationierung keine Spur. Die gibt es nur in den Supermärkten. Dort sind auch tatsächlich viele leere Körbe in der Obst- und Gemüse-Ecke zu beklagen.

Mit der Jubilee-Line sausen wir bis Westminster. Und machen erst einmal einen Abstecher zur Downing Street. Dort ist aber alles derart weiträumig abgesperrt, dass man die berühmte Fassade nur erahnen kann. Schade. Also zurück zum frisch gesäuberten Big-Ben-Turm. Der strahlt mit der Sonne um die Wette und sieht sehr schön aus vor dem sattblauen Himmel.

Wir nutzen gleich drei Ampeln am Parliament Square, um zur Westminster Abbey zu gelangen. Seit 1868 wird hier ein Ampelsystem mit Licht betrieben. Das erste der Welt, seinerzeit noch mit Gaslicht betrieben, steht hier heute sicher eine Anlage der x-ten Generation. Auf jeden Fall fußgängerfreundlich, denn warten müssen wir nicht lange, dann haben wir grünes Licht. Vorbei an den Statuen großer Persönlichkeiten wie Winston Churchill, Mahatma Gandhi, Millicent G. Fawcett oder Nelson Mandela erreichen wir die Abbey. Wir können sie nur aus einer gewissen Ferne betrachten. Sie ist großzügig abgesperrt und nur für Inhaber einer Eintrittskarte zugänglich. Ja, bitte, dann eben nur von fern. Auch hier sind mir 27 Pfund zu viel. Außerdem scheint die Sonne und wir wollen unsere Zeit lieber an der Luft verbringen. Wir machen uns direkt auf den Weg zum St. James‘s Park, in dem die Narzissen schon in voller Blüte stehen. Im Park machen wir wie viele andere eine kleine Pause auf einer der vielen Bänke. Als es uns zu kalt wird, spazieren wir weiter zum Buckingham Palace. Hier sind relativ wenige Menschen unterwegs und der König ist auch nicht vor Ort, es weht nur der Union Jack auf dem Dach.

Eigentlich war geplant, nun noch durch die Savile Row zum Piccadilly Circus zu laufen, aber meine Begleitung beendet den Tag vorzeitig und fährt zurück ins Hotel. Unsere Schrittzahl beträgt zu diesem Zeitpunkt immerhin 16.252. Ich gehe auf direktem Weg noch zur Regent Street und besuche einen weiteren Buchladen, um das eine oder andere Werk auf der Wunschliste aus der Heimat abzuhaken. Dort arbeite ich mich durch alle Stockwerke und genieße, dass niemand drängelt oder aufbrechen möchte. Kaufen könnte ich wieder so viele Bücher. Weil mein Koffer aber begrenzte Kapazitäten hat, mache ich einige Fotos und erstelle meinerseits auch eine Wunschliste.

Unser Abendessen gibt es heute im Blackbird Pub. Fish & Chips und Coronation Chicken. Köstlich! Übrigens ist der Service voll europäisiert. Komplette Bestellung und Bedienung am Tisch. Eigentlich schade.

Zurück im Hotel muss ich meinen Sonnenbrand behandeln. Ich habe versucht, der Sonne auszuweichen, aber das hat nur bedingt geklappt, mein Gesicht ist leider rot.

Freedom

Pünktlich gelandet at the Home Airport of British Airways.

Auf der Gangway ist es recht frisch. Oder Dementoren sind in der Nähe. Ich kann unser aller Atem sehen, das ist ein wenig unheimlich. Im Flughafengebäude ist es dagegen eine Spur zu warm, aber die Außentemperaturen machen eine Winterjacke wohl erforderlich. Die Passkontrolle ist hier, wie in Hamburg, vollautomatisiert und entsprechend schnell. Ich muss kurz an Nura und ihre Interpretation von DJ Bobos Freedom denken: „Freiheit heißt für mich, einen deutschen Pass zu haben.“ Wie sorglos wir reisen können und wir werden sicher selten zu einer verdachtsunabhängigen Personenkontrolle gebeten. Das passiert dem jungen Mann am Nebenschalter. Man ist zwar freundlich, aber dennoch wird er sehr bestimmt in einen Nebenraum gebeten. Der Arme ist nicht erfreut, fügt sich aber. Sein Pass hat eine hellgrüne Farbe. Ich glaube, der wurde in Bangladesh ausgestellt.

Am Gepäckband muss ich leider sehr lange warten. Das macht die Sache spannend. Ich erinnere mich noch an die Heathrow-Bilder aus dem vergangenen Sommer: Eine Halle voll mit tausenden von Koffern, weil neben Personalmangel auch noch die Technik ihren Dienst versagte. Ob die wohl alle wieder bei ihrem rechtmäßigen Eigentümer angekommen sind? Gepäcktrolleys stehen jedenfalls genug bereit. Etwa 150 Stück stehen in fünf Reihen am Band und dienen wenigstens als Sitzgelegenheit.

Mein Koffer kommt an und ich kann ihn anschließend direkt zur Piccadilly Line rollen. Meine Oystercard ist noch ausreichend gefüllt, also next stop Earls Court. Für mich natürlich, die Bahn an sich hält ja noch an diversen weiteren Haltestellen. Mein Gepäck ist im Vergleich recht bescheiden, ich bin auch nur wenige Tage unterwegs. Neben mir stehen 2 Reisende aus Tucson, das lässt ihr Papieranhänger erkennen. Zwei Personen mit 6 stattlichen Koffern. Ein kleines Kunststück, die in öffentlichen Verkehrsmitteln zu transportieren. Und weitere Passagiere können an diesem Eingang nicht mehr einsteigen. Ich arbeite mich deshalb auch durch eine andere Tür aus den Wagen heraus und wünsche einen schönen Aufenthalt.

Am Earls Court werde ich schon erwartet und wir gehen den kurzen Weg zum Hotel. Ein Zimmer ist bereits bezugsfertig und wir können unser Gepäck abstellen. Wie sich alles fügt – ein Traum. Als Start kehren wir ein in ein französisches Café. Es liegt direkt an der Ecke und meine Begleitung hat solche Lust auf Zitronentarte. Leider nicht britisch, aber gut, ein Eclair schmeckt hier sicher besser. Die Kellnerin fragt sogleich, ob wir aus Deutschland kommen. Waaaaas? So offensichtlich? Wir hätten „Ja“ gesagt. Na gut, das hat uns verraten. Darauf folgt der übliche Austausch: Woher genau? Ah, Hamburg, kenne ich, war ich aber noch nicht. Ob wir Berlin kennen? Klar, ist ja unsere Hauptstadt, aber reise das nächste Mal lieber in eine andere Stadt. Viele sind schöner als Berlin. In den meisten Städten sind die Menschen übrigens auch netter als dort. Nur mal so am Rande.

Nach dem Cafébesuch wird der weitere Ablauf in meine Hände gelegt. Ok, das erzeugt Druck, aber damit werde ich hoffentlich fertig.

Wir fahren zuerst zur Bond Street, denn ich habe einen Kaufauftrag im Disney Store. Leider ist das Ergebnis nur bedingt wie bestellt, aber auch in dem Laden wechselt das Sortiment alle paar Wochen und unser letzter Besuch ist ja schon 9 Monate her. Anschließend fahren wir zum Piccadilly Circus und saugen die Atmosphäre auf. Hier werde ich ja stets etwas sentimental, weil es der Dreh- und Angelpunkt meiner allerersten ersten Londonreise war. Immer wieder schön!

Von dort spazieren wir über den Leicester Square, der heute angenehm leer ist, über China Town bis zum Covent Garden. Auch dort ist nicht viel los, das ist ungewohnt, aber schön. Der Shop des London Transport Museums verkauft Kissen, die von Original U-Bahn-Sitzpolster-Stoff umhüllt werden. Ich bin begeistert! Leider ist der Stoff hart und ungemütlich und die Preise eine Unverschämtheit. Also kaufe ich keines. Aber diese Idee ist toll. Und die Metropolitan Line wäre es gewesen!

Vom Covent Garden laufen wir zu Minalima, dem Laden der beiden Grafiker, die die Harry Potter-Filme ausgestattet haben mit Tapeten, Büchern und dergleichen. Das war ja ein Tipp der jüngsten Reisenden aus dem letzten Jahr. Heute ist vor dem Shop zwar wieder ein roter Teppich mit hübscher, standesgemäßer Absperrkordel, aber eine Schlange ist nicht zu sehen. Wir können direkt hinein. Auch diese Reise steht wieder unter dem Stern des HP-Universums. Für meine Begleitung haben die 7 Bücher mindestens so eine große Bedeutung wie für mich. Und so schlendern wir auf dem Rückweg über die Shaftesbury Avenue auf den Spuren der drei Hauptfiguren Richtung Hotel.

Nachdem wir uns frisch gemacht haben, nehmen wir unser Abendessen in einem indischen Lokal ein. Klein und sehr authentisch anmutend, essen wir zwei sehr köstliche Gerichte. Meines mit Zero Chili, dafür mit Safran – eine gute Wahl.

Ausklingen lasse ich den langen Tag mit dem TV-Programm: Zuerst eine Folge von „The joy of painting“ mit Bob Ross (entzückend) und im Anschluss eine unbekannte Folge aus 2015 von „Grand Designs“! Ich wusste gar nicht, dass das noch weiter ging. Netflix hatte es aus dem Programm genommen. Aber eine kurze Recherche ergibt, dass RTL+ die neuesten Staffeln anbietet! Was für eine Nachricht zum Abend des ersten schönen Tages in London!

Freud und Leid

des Alleinreisens. RANE stimmt es so an: „Take My hand and follow me to London!“ Meinen üblichen Reisegefährten müsste ich das kaum einmal sagen, sie wären beide sofort dabei. Dieses Mal bin ich aber allein auf dem Weg in die schönste aller Städte. Dort treffe ich auf eine Freundin, mit der ich ein paar Tage auf britischem Boden umherstreifen werde. Es ist ungewohnt, allein aufzubrechen, weil es selten ist. Zumindest im Privaten. Zudem ist unser Abkömmling inzwischen nicht einmal mehr minderjährig und vor allem schon längst einem betreuungsbedürftigen Alter entwachsen. Trotzdem ist es eigentlich ganz schön, mich nur um mich selbst kümmern zu müssen. Mein Tempo, meine Abzweigungen in Shops oder Sanitäranlagen. Am Gate warten viele Familien mit kleinen Kindern und es ist wahrlich nicht immer ein Vergnügen, alle bei Laune zu halten. Aber das macht das Reisen ja auch aus. Vielfältige Erfahrungen und Beobachtungen. Nur schmunzeln muss ich allein darüber. Eine Dreigenerationengruppe zum Beispiel: Großeltern, die ihre Bütterken in Kunststoffdosen auspacken. Junge Eltern, die ihr stattliches Bordgepäck komplett ausbreiten, weil ein wichtiges Accessoire nicht auffindbar ist. Das Tragetuch. Gefunden, wird es angelegt vor den Augen ihrer Follower. Hier wird gleich noch ein kleiner Beitrag produziert. Ich bin versucht, zu fragen, auf welcher Plattform ich ihnen denn folgen könnte. Aber mir reicht wohl dieser Moment im Leben einer liebenswert schrägen Reisegruppe. Die jüngste Generation hat jetzt auch keine Lust mehr und teilt das lautstark mit. Heute etwa 6 Monate alt, habe ich da vielleicht einen aufsteigenden Netz-Star vor mir. Obwohl, wenn dieses kleine Mädchen alt genug ist, hat sich die Welt der sozialen Medien sicher verändert und es gibt andere Ausdrucksformen.

Mir gegenüber setzen sich zwei ältere Britinnen, die sich durch ihre kommunikative Art sofort zu erkennen geben. Die Einheimischen sprechen niemanden außerhalb ihrer Reisegruppe an, ganz so, wie man es von Norddeutschen erwartet. Die beiden von der Insel gönnen sich einen Piccolo – das hat Stil!

Da ich wieder mit British Airways reise und diese Airline in Hamburg nur spärlich vertreten ist, eröffneten zwei reizende Damen die beiden Schalter erst 120 Minuten vor Abflug. Etwa 10 Minuten vor dem Boarding wechseln sie dann zum Gate und erledigen Teil 2 der Abfertigung. Früher ist das auch nicht notwendig, denn das Flugzeug kommt aus London und landet erst 40 Minuten vor der geplanten Abflugzeit am Helmut Schmidt Airport. Am Gate kann ich beobachten, wie die Koffer verladen werden. Meinen sehe ich leider nicht. Er ist violett und fällt auf, ist aber trotzdem nicht auszumachen in dem Ballett der zahlreichen Tätigkeiten, die so ein Flug erfordert. Alles sehr eingespielt, reibungslos und immer wieder schön zu beobachten.

Unter den Ankommenden befindet sich leider kein Prominenter, schade. Das ist leider selten. Joko und Klaas hatten im Wettkampf mit ihrem Sender mal die Aufgabe, in Berlin zwei Stationen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, ohne dass jemand ihre Namen laut ausspricht. Sehr witzig, das war nämlich gar nicht so einfach. Viele andere Fahrgäste wollten so gern ein Selfie machen.

In der Reihe direkt neben mir sitzt Gil Grissom, jedenfalls sieht er so aus. Netter Mensch. Er durfte als Erster hinein, weil er mit seinem Kontrabass reist. Er hat in Hamburg in der Elbphilharmonie gespielt und fliegt nun zurück in die Heimat. Und er ist müde, nach der Vorstellung macht er gleich die Augen zu.

Art Fair

Sylvester! Wie in den vergangenen Jahren beenden wir das Jahr mit einem Kreativprojekt. Mal ein genähter Kissenbezug, mal ein Scrapbook und in diesem Jahr zum zweiten Mal ein Acrylbild 15x15cm. Acht unterschiedliche Talente erschaffen Spontanes oder liebevoll Ausgesuchtes. Ich runde mein abstraktes Werk mit einer experimentellen Technik ab (Chipstüteaufüberschüssigefarbedrücken) und erhalte einen Eindruck der 1970er Jahre.

Ansonsten gibt es Schafe, eine Katze, zwei Vögel, Richmond Mansion, Ziggy Stardust und einen maritimen Triptychon. Stilistisch geht es in die Richtungen: Van Gogh, Turner, Hablik, Rousseau, Marc und Warhol.

Das ist schon mal ein guter Anfang.

Als Zwischenmahlzeit werden Berliner und Kaffee gereicht. Hierzulande eine Sylvestertradition. Weltweit gibt es davon ganz verschiedene. Die Italiener tragen rote Unterwäsche, die Griechen vergnügen sich beim Glücksspiel und die Argentinier schreddern alte Dokumente und werfen die Schipsel aus dem Fenster. Also das finde ich durchaus charmant, aber im Regenwetter ist das spätere Aufräumen doch eher lästig. Wir essen Berliner. Woher diese Sitte genau stammt, konnte ich nicht verlässlich herausfinden. Es könnte eine zweckmäßige Energieaufnahme vor der Fastenzeit gewesen sein. Dagegen spricht, dass schon die Römer Fettgebackenes mochten und ich bezweifle, dass im Alten Rom aus religiösen Gründen von der verbreiteten Dekadenz abgewichen wurde. Jedenfalls wurden die Bällchen auch nicht eigens zur Fastenzeit erfunden.

Beim Fernsehercheck (können wir Dinner for one streamen, oder müssen wir auf die Programmzeiten achten?) stoßen wir auf den Sylvesterpunsch der Familie Tetzlaff. Herrlich politisch unkorrekt und immer noch heftig aber witzig. Und das Dinner for one ist streambar, alles wird gut.

Vor dem Unterhaltungsprogramm wird gegessen, es gibt Raclette in der omnivoren Variante. Auch das hat ja eine gewisse Tradition im norddeutschen Raum. Insgesamt ist das Raclette-Mahl über 400 Jahre alt und stammt aus der Schweiz. Der Name leitet sich von französischen Wort racler – schaben ab. Ein Walliser Winzer hätte sich vor langer Zeit erstmals Käse vom Käseleib geschabt, am Kaminfeuer schmelzen lassen und genossen – geboren war das Raclette. Also der Name wurde erst um 1900 aus der Taufe gehoben anlässlich einer kantonalen Ausstellung in der Gastronomie. Die Betonung soll übrigens auf der zweiten Seite des Wortes liegen. In Norddeutschland wird die Betonung schon einmal nach vorn gelegt und eher Racklet gesagt. Aber da gibt es weitaus schlimmere mundartliche Färbungen. Süß finde ich ja auch die schweizer Eigenart, ein -li an Worte zu hängen. Leider nähme das hier niemand ernst und es lässt sich nicht so einfach übernehmen. Aber viele Problemli ließen sich sicher schneller lösen, wenn sie so niedlich daherkämen.

Auf jedem Platz liegt ein paar Motivsocken mit persönlich abgestimmten Konfuziusweisheiten. Was für eine entzückende Idee! Meine Exemplare gefallen mir außerordentlich gut, gelb sind sie mit Häschen darauf. Gelb ist eine sehr schöne Farbe, die mir im Allgemeinen leider überhaupt nicht steht. Aber an den Füßen kann nicht viel schiefgehen!

Nach dem Essen gibt es eine Runde Glückskekse mit mehr oder weniger treffenden Sprüchen und dann sehen wir uns Butler James an, wie er gegen den Tiger kämpft. Und ja, wir haben alle wieder gelacht, das ist doch bemerkenswert, denn wir sind ob der Wiederholungen alle ziemlich textsicher. Wir haben dieses Mal auch alle synchron dazu getrunken. Das ist gar nicht so einfach.

Die letzten Stunden des Jahres verbringen wir mit einem Partyspiel, bei dem wir in Zweierteams Aufgaben lösen müssen, die aus verschiedenen Spielen zusammengetragen wurden: Scharade, Montagsmaler, zwei Doofe, ein Gedanke. Das ist sehr witzig und plötzlich sind es nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Da schalten wir für einen verlässlichen Countdown den Fernseher ein. Auf fast jedem beliebigen Sender gibt es eine Sylvestershow. Das scheint einer der wenigen Abende zu sein, an dem ein Programm nach identischem Muster auf mehreren Sendern funktioniert. Punkt 12 Uhr zünden wir alle unsere kleinen Indoor-Luftschlangen-Raketchen und stoßen mit Sekt an.

Zum Start des neuen Jahres ist dann tatsächlich noch genug Energie da, um ein weiteres Spiel zu spielen, bei dem wir Fragen und Aussagen einer der anwesenden Personen zuordnen müssen und am Ende aus den erworbenen Karten eine Personenbeschreibung basteln müssen. Ich gäbe eine gute Kanzlerin ab, der der Opferstock nicht heilig ist und die bei den geringsten Anzeichen von Regen einen Schirm dabei hat. Das stimmt alles eher weniger, aber ich nehme, was ich bekomme. Da waren viel pikantere Dinge dabei….

Am Neujahrsmorgen ist relativ früh bereits wieder Leben im Haus und die gebrauchten Gläser und andere Partyspuren sind schnell beseitigt. Dann kann der Tag kommen. Auch heute wird uns der Wind noch begleiten, er mag aber auf der Insel auch ein winterlicher Dauergast sein.

Die Welt von Asterix

Freitag ist Anreisetag. Wir fahren die A23 bis zum Ende durch, was, wie es sich gehört, reibungslos möglich ist. Auf diese Strecke ist immer Verlass. Es sind unterwegs unzählige touristische Hinweisschilder zu sehen. Zum Beispiel das Stadtdenkmal Glückstadt, ein Steinzeitpark, das Wacken Open Air und das Wenzel Hablik Museum. Beim Wacken Open Air ist es fast tragisch, weil es in diesem Örtchen nur Anfang August etwas zu sehen gibt. Hoffentlich verirren sich während der übrigen Monate keine Touristen dorthin, denn es ist wirklich trostlos dort. Wenzel Hablik war ein Künstler, der bis zu seinem Tod 1934 in Itzehoe gelebt hat. Er war Graphiker und Maler, dessen Werke sehr modern, expressionistisch und bunt sind. Seit Jahren will ich dem Museum einen Besuch abstatten, aber oft machen mir die Öffnungszeiten einen Strich durch die Rechnung. Ich nehme mir vor, es im neuen Jahr endlich zu tun. Eine Begleitung habe ich schon organisiert, die Dame weiß Bescheid – also Wenzel, mach‘ dich gefasst – wir kommen!

Was der Künstler aber heute schon schafft, ist die Brücke in den höheren Norden zu schlagen, denn geboren wurde er in Brüx. Das liegt zwar im heutigen Tschechien, trägt aber einen Namen, den man auch in Nordfriesland finden könnte. Hier heißen die Orte wie gallische Dörfer und enden mit X. Oder es ist ein X enthalten. Oder sie enden auf -lum oder -büll. Alles klingt so niedlich. Und Schleswig-Holstein wird seinem Ruf gerecht: Das Land der Horizonte. Nach dem Ende der Autobahn fahren wir viele Kilometer auf schmalen Landstraßen, die den Horizont so erweitern, wie es sonst nur das Reisen an sich vermag. Kilometerweite freie Sicht auf Windräder und Schafe. Bei Ockholm ist die Bebauung rechts und links der Straße besonders interessant. Lauter schöne Gutshäuser, frisch saniert und alle mit grünen Dächern im Kupferlook. Adenauergrün im Norden? Das sind wohl noch Nachwirkungen des Industriellen Sönke Nissen. Er wurde hier geboren, war dann ein Self-Made-Man, der zwar nach Etappen in Afrika in der Nähe von Hamburg gelebt und gewirkt hat, aber seiner Heimat dennoch sehr verbunden blieb und sie finanziell immer wieder unterstützt hat. Die Straße wurde nach ihm benannt, das ist wohl auch das Mindeste. Jedenfalls sehr hübsch anzusehen.

Aber vorher muss noch erwähnt werden, dass wir auf den letzten Metern der Autobahn bei Heide auf die beiden Fahrzeuge der übrigen Urlauber treffen und uns dann gleich dazwischen drängeln. Ach, wie schön, endlich wieder UB70 folgen!

Irgendwann kommen wir in Dagebüll an und steigen erst einmal aus, um alle gebührend zu begrüßen. Und dann reihen wir uns in die Zufahrtschlange zur Fähre ein. UB70 rechts, wir links. Und dann, wenig überraschend, steht die linke Spur still. Es gibt Probleme. Rechts lässt uns niemand in die Spur wechseln. Also warten. Irgendwann sind wir dann dran. Und dank der elektronischen Kennzeichenerkennung werde ich namentlich begrüßt. Das wurde mir auch so angekündigt von ehemaligen Inselbesuchern. Mein Eingabefehler bei der Ticketbuchung (ich habe 18 cm der Fahrzeuglänge unterschlagen) wird aber nicht kommentiert oder bemerkt, wir dürfen gleich auf der Schnellspur direkt auf die Fähre fahren. Da die Fähre dann auch schnell voll ist, startet sie runde 20 Minuten früher als geplant. Das wird sich noch als Vorteil im Supermarkt herausstellen. Die Überfahrt dauert nur angenehme 50 Minuten. Auf der Insel macht sich der hohe Norden bemerkbar, es dämmert deutlich früher als in Hamburg. Die Navigationsstimme versagt ihren Dienst, sie kann unser Ziel nicht ermitteln. Allerdings haben wir ja eine Inselbewohnerin im Auto, denn von den zwei Fahrzeugen der übrigen Urlauber ist nur eines auf die Insel überführt worden und so kommen wir schnell am Haus Antonia an. Das Haus ist ganz wunderbar. Alles neu und maritim eingerichtet. Wie ein Haus in den Hamptons, so stelle ich es mir jedenfalls vor. Wir sind begeistert. Nachdem wir ausgepackt haben, fahren drei in den Supermarkt. Dort ist es sehr voll, so wie unsere beiden Einkaufswagen am Ende der Tour durch den Markt. Lauter Touristen machen es wie wir. Allerdings ist es voller, als wir aus dem Markt herauskommen. Viele scheinen eine Stunde später auf die Insel geschwemmt worden zu sein. Die stattliche Summe wird bezahlt und dann geht es zurück nach Midlum.

Als Startgericht gibt es Spaghetti Carbonara à la Mirella. Auch in einer vegetarischen Variante. Immer wieder ein Vergnügen. Schon vor dem Essen gibt es einen Sekt. Nach dem Essen ist die Flasche schnell leer. Eine zweite wird geöffnet und das ist ein schwerer Fehler. Eine Kombination aus Fußbodenheizung, Alkohol und starkem Wind, der ein geöffnetes Fenster in der Nacht unmöglich macht, lässt mich ziemlich desolat zurück. Am Sylvestermorgen ist mir eher danach, am heutigen Tag eine Alkoholpause einzulegen. Mal sehen, ob das möglich sein wird.

Vor dem Frühstück – darf ich eigentlich schon wieder fahren? – fahre ich noch einmal zum Supermarkt, um unter anderem die Sektvorräte aufzufüllen. Paradox ja, aber es steht auf der Liste. Ein paar andere Kleinigkeiten fehlen auch noch.

Anschließend wird gefrühstückt mit ganz frischem Brot, das herrlich duftet. Während des Frühstücks fallen uns wieder ein paar Dinge ein, die noch fehlen. Obwohl es mehrere Listen gab. Also fahren wir noch ein letztes Mal in den Supermarkt, dann muss es reichen. Morgen öffnet hier nämlich niemand.

Urlaub in der Karibik

Sylvesterurlaub steht an! In der sog. Friesischen Karibik. Wegen des sonnenreichen Klimas wird die Insel Föhr so untertitelt. Sonne erwartet uns leider nicht in der nächsten Woche. Dafür viel Regen und Wind. Zwar sind rund 7 Grad angekündigt, aber das geht noch nicht als subtropisch durch, es wird also eher tundraesker Frühsommer. Oder so.

Da wir erst zum Dreikönigstag wieder zurückkommen, muss die Weihnachtsdeko vor dem Urlaub entfernt werden. Gestern hatten wir aber Besuch von einem Freund, den ich mal vorsichtig als Anti-Grinch bezeichnen möchte. Da musste der Baum also noch stehen.

Den übrigen alten Gepflogenheiten der Raunächte kann ich eigentlich nie folgen, weil es mir zum Beispiel kaum möglich ist, mehr als vier Tage auf das Wäschewaschen zu verzichten. Darüber hinaus wird der Wäscheberg so hoch, dass ich kaum noch hinterher komme, ihn wieder abzuarbeiten. Mir fehlt der Platz zum Trocknen. Aber da ohnehin die Wenigsten wissen, warum man in dieser Zeit keine Wäsche waschen soll, stört das keinen großen Geist und mich auch nicht. Kurz zusammengefasst, soll es nach Weihnachten eine wilde Jagd übernatürlicher Jäger am Himmel geben. Dieser Aberglaube war in Europa einst weit verbreitet und galt bei Sichtung als Vorbote von Unheil. Um es nicht noch schlimmer zu machen, sollten keine weißen Bettlaken die Jagd stören. Keine Laken aufhängen, also auch keine Laken waschen. Wie so oft, wurde die Sage der wilden Jagd auch noch für allerlei andere Sperenzchen missbraucht. Jungfrauen sollten sich an mystische Orte begeben, um ihren zukünftigen Bräutigam zu treffen und auch andere Orakel sollten in dieser Zeit besonders auskunftsfreudig sein. Im 21. Jahrhundert sind es, wo immer möglich, wohl eher Tage des Müßigganges.

Mahnend leuchtete der Baum morgens noch im Homeoffice. Um 09:30 Uhr war der Spaß dann aber vorbei und der Baum hatte ausgedient. Es ist ein wiederverwendbares Modell, also keine Sentimentalität nötig. Ich hatte mal ein Weihnachtsbuch mit diversen Geschichten darin. In einer ging es um eine junge Tanne, die sich zu Weihnachten in einer Bauernstube wiederfand. Feierlich geschmückt und gefeiert ist der Schmerz des Fällens schnell vergessen. Nach zwei Wochen aber wird er abgeschmückt und landet auf dem Scheunenboden und trocknet vor sich hin. Sehr tragisch fand ich das seinerzeit.

Am späten Nachmittag habe ich endlich Feierabend und kann anfangen zu packen. Noch nie habe ich das so spät gemacht. Aber bisher war einfach keine Zeit dafür. Für unseren recht kurzen Inselaufenthalt ist allerdings auch alles schnell zusammengesucht. Morgen früh wird noch ausgeschlafen und dann geht es los! Heute fragte der Teenager, ob wir eigentlich Programm haben auf der Insel, oder ob wir faul sein dürfen. Letzteres ist der Fall. Obwohl ich schon ein paar Dinge auf der Liste habe: Ein Besuch bei den Galloway-Rindern des örtlichen Naturschutzvereins, ein Bummel durch die Wyker Einkaufsstraße, die hoffentlich auch im Winter belebt ist und natürlich mindestens ein Spaziergang am Strand. Zwischendurch wird es sicher auch mal nicht regnen.

Countdown to Christmas

Weihnachten kommt. Die Zeit des Wartens vertreibe ich mir in jedem Jahr auch damit, die schönsten Weihnachtsfilme anzuschauen. Ich kann das tatsächlich nur in dieser Zeit. Einen Weihnachtsfilm im Mai oder August anzusehen, fühlt sich für mich ganz falsch an.

Im folgenden werde ich meine persönliche Bestenliste aufführen. Leider muss ich schon zu Beginn sagen, dass ich hier wenig tolerant zu sein scheine. Der neueste Film ist auch bereits 16 Jahre alt. Ich gehe soweit, zu behaupten, dass in den letzten Jahren kein nennenswert guter Weihnachtsfilm dazugekommen ist. Das waren in meinen Augen alles nur nette Filme ohne das Zeug zum Klassiker. Wobei die Bezeichnung „Klassiker“ natürlich so heikel wie anspruchsvoll ist. Wer definiert einen Klassiker? Woran wird er gemessen? Welche Kriterien müssen erfüllt werden? Für mich kann es schon ein Weihnachtsklassiker sein, wenn ich mich jedes Jahr wieder darüber freuen kann und wenn die Figuren mich auch beim achten Mal nicht langweilen.

Die Reihenfolge ist absteigend sortiert. Die erstgenannten Werke muss ich also unbedingt ansehen, sonst hätte ich auch gleich die Weihnachtsdeko im Keller lassen können. Die unteren überspringen auch mal die eine oder andere Saison.

1) Tatsächlich Liebe, 2003 – Ein echtes Juwel. Die außerordentlich erlesene Besetzung durchlebt die letzten Wochen vor Weihnachten im wunderbar leuchtenden London. Hier stimmt einfach alles: Humor, Tragik und Kitsch im weihnachtlichen Dreiklang.

2) Die Muppets Weihnachtsgeschichte, 1992 – Der Inbegriff des Weihnachtsfilms. Hier hat Disney wirklich keine Kosten und Mühen gescheut und einen Familienfilm geschaffen, der schöner nicht sein könnte. Der wunderbare Michael Caine wird von Kermit und seinen filzigen Freunden zu einem besseren Menschen gemacht. Als hätte Herr Dickens ihnen die Geschichte auf den Leib geschrieben. Die Gags und Lieder sind so gelungen, dass sie Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistern können. Der Film ist bei uns seit vielen Jahren Pflichtprogramm am Nachmittag des 24. Dezember.

3) Schöne Bescherung, 1989 – Die Familie Griswold hat ja einige Abenteuer erlebt und all die Filme sind heftiger Klamauk, weit entfernt von intelligentem, tiefsinnigem Humor, wie zum Beispiel ein Loriot ihn zelebriert hat. Aber das Familienoberhaupt Clark und seine Unerschütterlichkeit berühren mich jedes Mal wieder. Wenn er auf dem Dachboden alte Super 8- Filme laufen lässt, ergreift auch mich der „Spirit of Christmas“, der dazu von Ray Charles besungen wird.

4) Liebe braucht keine Ferien, 2006 – Eine lupenreine Romanze, die in der Weihnachtszeit an meinen beiden Sehnsuchtsorten spielt: London und Tinseltown. Eine einwandfreie Besetzung lebt und leidet durch wunderbare Dialoge und ein Meer voller schöner Details: „Ich suche Kitsch in meinem Leben!“

5) Der kleine Lord, 1980 – Ich kann gar nicht sagen, warum ich diesen kleinen blonden, braven und altklugen Jungen so mag. Darüber hinaus: Ist es ein Weihnachtsfilm, nur weil er unter dem Weihnachtsbaum endet? „Ihr könnt es doch nicht Salat nennen, nur weil Zwiebeln drin sind!“ (Lily Aldrin, How I met your mother) Aber die ARD hat ihn einfach dazu erklärt und sendet den Film nur zur Weihnachtszeit. Das ist für mich allemal ausreichend. Es ist eine schöne Geschichte, deren theaterhafte Umsetzung so charmant daherkommt, dass selbst der verschrobene britische Adel liebenswert wirkt. Und Alec Guinness ist durch diesen Auftritt für mich unsterblich. Es ist zweifelsohne eine der schönsten Rollen des Mannes der tausend Gesichter.

6) Weihnachtsfolgen meiner Lieblingsserien: The Big Bang Theory oder Modern Family. Aber auch Brooklyn 99, Sherlock oder Chuck haben schöne weihnachtliche Geschichten umgesetzt. Wahrscheinlich macht es auch Drehbuchautoren großen Spaß, diese besondere Zeit zu würdigen.

7) Stirb langsam, 1988 – Bruce Willis als DER Actionheld meiner Jugend im ewigen Kampf von Gut gegen Böse, hier eben in einem Wolkenkratzer. Außerdem hatte hier Alan Rickman seinen ersten internationalen Auftritt. Dieser Film wird zu Recht in die Schublade der Klassiker gesteckt. Er war stilprägend in vielerlei Hinsicht und ist zweifelsohne einer der meistzitierten Filme in Wort und Bild.

8) Lotta aus der Krachmacherstraße, 1992 – Die unvergleichliche Astrid Lindgren hat mit Lotta eine Figur geschaffen, die im Schweden der 60er Jahre und dennoch wie gewohnt zeitlos aufwächst. In Lindgrens Geschichten steckt so viel Moral und Lernenswertes, aber nie wird es uns aufgedrängt. Das ist auch in der Krachmacherstraße der Fall. In diesem Film jedenfalls wurden mehrere Bücher verarbeitet, unter anderem: „Lotta kann fast alles“. Darin rettet Lotta das Weihnachtsfest, indem sie in ihrer unnachahmlichen Art in letzter Minute noch einen Weihnachtsbaum für die Familie auftreibt. Ach, ich glaube, ich werde gleich im Anschluss noch in meiner Weihnachtsgeschichtensammlung von Lindgren lesen, die ich seit 1985 mein Eigen nenne. Der Nikolaus hatte sie mir als traditionelles Weihnachtsbuch gebracht. Es wurde meine Bibel.

9) Familienfest und andere Schwierigkeiten, 1995 – Jodie Fosters Sittengemälde der US-amerikanischen Kleinstadtbevölkerung der 90er Jahre. Ein weihnachtlicher Grenzfall, weil die Familie sich an Thanksgiving abarbeitet. Aber wie der Vater am Ende so schön sagt: „Mein Gott und in 4 Wochen ist Weihnachten.“ Da wird das Familiendrama dann seine Fortsetzung bekommen, denn die Probleme, die im Laufe der Handlung zu Tage treten, sind mitnichten beseitigt. Sie werden nur vertagt, denn zu Weihnachten wird natürlich der Schein gewahrt und man wird wieder zusammenkommen. Herrlich, schon weil es, was mich betrifft, weit außerhalb meiner Realität stattfindet.

10) Ist das Leben nicht schön?, 1946 – Achtung: James Stewart und nicht Roberto Benigni, ein wichtiger Unterschied. Der Film ist schmerzhaft alt, schwarz-weiß und in einem Tempo und einer Art gedreht, wie sie heute niemanden mehr ins Kino locken könnten. Interessanterweise auch damals nicht, der Film war ein kommerzieller Misserfolg. Aber mehr Weihnachten geht eigentlich nicht: Tragik, Familie, ein Wunder und ein kitschiges gutes Ende. James Stewart ist allerdings auch in desolatem Zustand nett anzusehen und so wird der Film heute zu den besten Filmen überhaupt gezählt, ein echter Klassiker.

Außer Konkurrenz laufen bei mir noch ein paar weitere Filme, die ich wenigstens erwähnen möchte:

Drei Nüsse für Aschenbrödel, 1973 – Ein tschechisches Kleinod und die Verfilmung des Aschenputtelmärchens. Hat mit Weihnachten im Grunde gar nichts zu tun. Aber Märchen ziehen immer. Und die Verfilmung ist schwungvoll und sehr emanzipiert, soweit die Vorlage es zulässt. Die tschechischen Filme und Serien meiner Kindheit sind seltsam gut gealtert. Heute immer noch gut anzusehen, das schaffen nicht alle Filme, auch nicht die guten.

Der Grinch, 2000 – Mit Jim Carrey in der Hauptrolle. Weil es Carrey auf seinem Zenit ist und weil die Vorlage hier so absurd bunt umgesetzt wurde, dass es einfach sehr gut zu Weihnachten passt. Und Weihnachten ist der rote Faden.

Nightmare before Christmas, 1993 – Tim Burton und Danny Elfman in Reinform. Das beste aus allen Welten in einem Stop-Motion-Musical. Habe ich seinerzeit im kleinen Saal der Zeise-Hallen gesehen und nach etwa 5 Minuten verließen einige Männer schimpfend den Saal, weil sie etwas ganz anderes erwartet hatten. Da denke ich natürlich an den bewegten Mann: „Ist das hier nicht der Stallone?“ Wir Übrigen haben es dann umso mehr genossen.

So, jetzt wie versprochen auf nach Schweden zu Pelle, Ronja und Pippi.

Orchid

Gestern in Glückstadt – ein Abend mit Gin Kiss!

Wir sind zum ersten Mal ohne jeglichen VIP-Status hier und haben unsere Karten mit den Nummern 2 und 3 in der örtlichen „Bücherstube“ erworben. Ein kleiner Laden, der sich wohl auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert hat. Jedenfalls sind die übrigen Genres leider nur spärlich besetzt. Für mich gab es seinerzeit nichts spannendes in der Auswahl. Dafür eine sehr charmante Dame hinter dem Kassentresen.

Heute aber Musik und keine Literatur. Wir kommen um halb 7 an und die Sitzreihen sind zu einem Drittel gefüllt. Obwohl wir hier nicht heimisch sind, können wir gleich 5 andere Menschen persönlich begrüßen, darunter sogar einen der Stars des heutigen Abends. Der Pianist begrüßt nämlich einige Gäste und fängt vielleicht ein Stimmungsbild ein. Zu regeln gibt es bestimmt nichts mehr, denn die Crew aus Technikern, Beleuchtern und Managerin ist emsig. Es ist auch wirklich kein Vergleich zum ersten öffentlichen Konzert im Alten Kino. Hier wird nicht gespart an Equipment. Die Bühne ist orchestral gefüllt und auch ansonsten fehlt es nicht an professioneller Ausstattung für Licht und Ton. Nur einen Flügel gibt es hier leider nicht. Dem Klang tut das meines Erachtens keinen Abbruch, weil ich ja wegen des Zusammenspiels hier bin und die übrigen Instrumente und Stimmen das Klavier wohlig in ihren Kreis aufnehmen. Ein Flügel sieht nur immer so majestätisch aus.

Zu Konzertbeginn um 19 Uhr wird das Gemurmel im Publikum (mittlerweile gibt es nur noch vereinzelte leere Stühle) etwas leiser, aber auf der Bühne ist noch niemand zu sehen. Die besten Bands starten niemals pünktlich. Wenig später geht es aber los!

Der Opener ist „To love somebody“ von den Bee Gees. Das Lied kenne ich, hätte es aber nie den Bee Gees zugeordnet. Es muss ein Frühwerk sein, weil es im Original nichts von dem Falsett hat, das für die Brüder so charakteristisch war. Ein schöner Start, musikalisch wie inhaltlich, es holt mich ab und stimmt mich ein auf die unwiderstehliche Atmosphäre von Gin Kiss. Vor mir sitzt ein verliebtes Pärchen, das die Kunst auch sichtlich genießt:

Nummer zwei ist mein absolutes Lieblingsstück: „Le sud“. Wunderbar! Den tragischen Unterton im Text kann ich glatt vergessen und grinse also unter meiner Maske vor mich hin und genieße einfach. Hier stimmt alles – Gesang und Musik in perfekter Harmonie! Untermalt wird das Ganze von sehr coolen Urlaubsfotos, mutmaßlich aus den späten Siebzigern. Später wird der Sänger noch von sich behaupten, nie ein Aufreißer gewesen zu sein. Die Bilder sprechen aber eigentlich eine andere Sprache. Das ist mir allerdings schon früher an anderer Stelle aufgefallen. Fotos aus dieser Zeit wurden anders inszeniert als heute. Die abgelichteten Personen wirken oft saucool. Irgendwie schade, meine Urlaubsfotos bilden das eher selten ab. Barney Stinson hat ja mal gesagt, dass ein Mix nicht aus Höhen und Tiefen bestehen sollte, sondern nur aus Höhen. Meinetwegen kann es also so weitergehen.

Es folgt ein Ritt durch die Jahrzehnte. Von „Sway“, 1953, über „Your heart is as black as night“, 2010, „Take me to church“, 2013, „Angie“, 1973, „Bad Guy“, 2019, „Writings on the wall“, 2015, „Jockey full of Bourbon“, 1985, „Goodbye yellow brick road“, 1973, bis hin zu „These boots are made for walking“, ebenfalls 1973. Einige der Songs werden begleitet von Videoclips, die auf zwei Leinwänden sichtbar sind. Das sind ganz liebevoll produzierte Filme, die die Show sehr gelungen abrunden. Das wirkt alles sehr professionell, genau wie der Kameramann, der sich mit einer Handkamera blitzschnell und schlangengleich von links nach rechts bewegt und scheinbar die gesamte Darbietung aufzeichnet.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Interpretation von „Take me to church“. Formidables Zusammenspiel der beiden Stimmen und eine außerordentlich starke Performance. Ich habe wie jeder das eine oder andere Talent. Musik zu machen gehört aber nicht dazu. Natürlich singe ich allein im Auto mal mit und weiß deshalb, dass dieses Lied sehr schwer zu singen ist. Die beiden aber machen sich Hoziers Vorlage zu eigen und damit zu einer Version, die unbedingt einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden sollte. Ich hoffe ja insgeheim immer noch auf die Möglichkeit, die Musik von Gin Kiss eines Tages auf dem Mobiltelefon abrufen zu können. Zur Not auch über den Umweg eines Tonträgers.

Mit „Bad Guy“ wagt sich Gin Kiss in die Welt von Billie Eilish. Dazu gibt es ein tolles Cover:

Das finde ich überaus mutig. Wieder stelle ich mir die Umsetzung als Laie extrem schwer vor. Aber was ich höre, ist magische Souveränität. Und hier kommt auch das Schlagzeug zu seinem großen Auftritt – grandios! Das Piano verleiht der Version einen belebenden Unterton, der verblüffend gut dazu passt.

À propos belebend. Die beiden Stimmen sind ja nicht nur weiblich und männlich, sondern auch sonst sehr verschieden, wenn nicht gar gegensätzlich. Ich freue mich immer wieder darüber, wie gut sie aber zusammen funktionieren.

Kurz vor der Pause folgt eigentlich ein Höhepunkt dem nächsten, denn nach Billie Eilish geht es gleich weiter mit Sam Smith. Die Kritiken seinerzeit sprachen wohl auch von „schwächlichem Gewimmer“ in „Writing‘s on the wall“, was ich überhaupt nicht teile. Aber so knifflig die Eingabe von „Writing‘s“ hier auf dem Gerät auch ist (Wirsing, Wrist und Wringen wollten sich vordrängeln), so gespannt war ich, was Gin Kiss daraus macht. Ganz einfach einen sehr starken und schönen Song mit etwas weniger Dramatik als James Bond es sonst verlangt. Das gefällt mir sehr gut und blutige Stimmbänder, wie Herr Smith sie bisweilen davonträgt, wünscht man ja auch niemandem.

Gecovert werden heute sehr viele der ganz Großen – endlich auch Elton John, den ich ganz besonders schätze, weil er zu den ersten Künstlern gehörte, die ich als Kind kennengelernt habe und bestimmten Liedern zuordnen konnte. Mit „Goodbye yellow brick road“ wurde ein feines sentimentales Stück ausgesucht, sehr schön mit Pianoklängen (natürlich!) eingeleitet und sehr ruhig gesungen, da konnte ich das Lichtspiel auf mich wirken und mich im besten Sinne berieseln lassen.

Nach der Pause kommen die Damen die große Märchentreppe herunter und stimmen uns auf zwei „Grease“-Songs ein, samt eigens nachgestellter Filmplakate. In „You‘re the one that I want“ rückte dann mit den ersten Tönen endlich der Kontrabass in den Vordergrund, mein Lieblingsinstrument. Ach herrlich!

Wieder geht es durch mehrere Dekaden mit Gin Kiss-Klassikern, Selbstgeschriebenem und Neuem: Von den 70ern (Grease) über „Peu importe“, 2020, „Moon over Bourbon Street“, 1985, „Moon River“, 1961, „Sign of the times“, 2017, „Havana“, 2018, „Voyage, Voyage“, 1987, „Can‘t be love“, 2010, zum „Piano Man“, 1973.

Die zweite Hälfte ist auch geprägt von Kostümwechseln, wobei mir der kanariengelbe Spenzer des Pianisten am besten gefällt! Das letzte reguläre Stück wird wie im Original mit der Mundharmonika eingeleitet – bemerkenswert finde ich hier, dass es der Sängerin keinerlei Probleme bereitet, zwischen Instrument und Gesang zu wechseln.

Die zwei Zugaben sind die Gin Kiss-Klassiker „Hit the road Jack“ und „Space Oddity“. Insgesamt war es wieder ein rundum gelungenes Vergnügen und drei sorglose Stunden. Das ist so dringend nötig in diesen Zeiten. Vielen Dank!

Dieser Eintrag trägt übrigens den Titel „Orchid“, weil direkt vor mir eine derart prächtige Orchideenpflanze steht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Einen Meter hoch und dreizweigig. Ob das ein Schülerprojekt ist? Ob sie hier immer steht inmitten des Pausengewusels? Heute Abend jedenfalls erstrahlt sie in vollem Glanz und leuchtet in allen Farben, die die Scheinwerfer hergeben.