Blue Monday

Heute verleben wir unseren letzten Tag in Großbritannien. Wir schlafen alle recht lang und gehen erst spät zum Frühstück, dass hier nur bis 09:30 Uhr serviert wird. Es ist ein kleines Buffet aufgebaut mit Cereals, Joghurt, Säften und Marmeladen. Das Übrige muss man bestellen. Toast mit Rührei, Full English Breakfast, Tostie mit Lachs und Rührei, Eggs Benedict, sowas in der Art. Schön angerichtet und stets mit einer Kresseart dekoriert. Alles sehr lecker. Zurück zu Hause in Deutschland ist mein Rühreibedarf dann aber erst einmal gedeckt. Vielleicht mal wieder ein gekochtes Ei. Das geht mir nach Auslandsaufenthalten eigentlich immer so. Ich mag die ausländische Küche meist sehr, aber das das gute alte Frühstück, wie ich es kenne oder besser noch ein Abendbrot mit kernigem Brot und eingelegten Gurken fehlt mir recht schnell.

Nach dem Frühstück fahren wir nach Widecombe in the Moor, ein kleines Dorf in der Nähe. Es gibt dort eine Kirche und zwei große Parkplätze. Sonst nicht viel. Es ist sehr hübsch, aber recht verlassen. Wir haben die Straßen schnell erkundet. Dann fahren wir zurück und halten noch an einem Parkplatz, von dem aus man ein bisschen weiter ins Moor laufen kann. Auf dem Parkplatz stehen 4 Ponys und möchten gestreichelt werden. Zwei Mütter mit ihren Fohlen. Als sie genug Streicheleinheiten bekommen haben, trotten sie auf die Straße und verursachen einen kleinen Stau, weil auf beiden Seiten nicht genug Platz zum vorbeifahren bleibt. Sie schauen sich das Treiben eine Weile an und laufen dann zurück ins Moor. Ein Moor stellt man sich ja eher düster und sehr feucht vor. Hier ist es hügelig und im Augenblick sehr trocken, es hat seit Wochen nicht geregnet. Die Pflanzenwelt sieht aber immer noch ziemlich üppig aus. Jedenfalls ist es überhaupt nicht düster und unheimlich, die Sonne brennt auch hier unerbittlich.

Zurück im Hotel setzen wir uns auf die Terasse und lesen eine Weile bei kalten Getränken. Als die Sonne soweit gewandert ist, dass uns kein Schatten mehr bleibt, wechseln wir in die Zimmer und ich mache wieder einen kleinen Mittagsschlaf. Mitten am Nachmittag erobern wir wieder einen Tisch mit Schirm und essen ein Stück Kuchen.

Nach dem Kuchen machen sich zwei von uns auf zu einer kleinen Wanderung in ein nahegelegenes Wäldchen. Wirklich nahe. Es ist sehr schön dort, vor allem schattig. Alles ist moosbewachsen und unser Ziel ist das sichtbare Stück eines Baches, das sich unaufhörlich durch Felsblöcke schlängelt.

Danach wieder ein kaltes Getränk und ein Buch auf der Terasse und dann fahren wir in den Gefängnisort Princetown, um im „Prince of Wales“-Pub etwas zu essen. Harry Bosch hat seinen Fall inzwischen gelöst und ich muss einen alten Fall hervorkramen. Aber viel weiß ich davon nicht mehr, das müsste schon wieder gehen.

Im Pub ist es sehr voll. Gerade wurde eine Busladung Reisender in den Pub geschwemmt und ein zweiter Bus steht noch aus. Dann wird es noch ein wenig dauern, bis wir etwas bekommen. Na gut, dann warten wir. Unterwegs haben wir heute wieder viele Radfahrer überholt. In meinen Augen sind die eher verrückt. Der Straßenbelag eignet sich nicht unbedingt für schmale Rennradreifen und die Steigungen sind beachtlich. Bergauf muss es unglaublich anstrengend sein und bergab sehr gefährlich, weil die engen Straßen oft nur schlecht einsehbar sind. Die Einheimischen fahren meist auch mindestens die maximalen 40mph, da kann es schnell mal zu spät sein. Mir kommt das ähnlich unattraktiv vor, wie in London mit dem Fahrrad zu fahren. Es gibt dort eigentlich keine Radwege und die motorisierten Verkehrsteilnehmer sind nicht unbedingt rücksichtsvoll, selbst Fußgänger werden angehupt, wenn sie nerven.

In Princetown steht ein altes Gefängnis, das aber immer noch im Dienste ihrer Majestät betrieben wird. Heute sitzen dort hauptsächlich White-Collar-Verbrecher ein und die haben viele Möglichkeiten: Universitätskurse oder handwerkliche Ausbildung – alles möglich. Es gibt auch wieder eine Verbindung zu James Bond. In „From Russia with love“ ist der SPECTRE-Bösewicht ein Verurteilter Mörder, der aus dem Dartmoor-Prison ausbrechen konnte.

Nach dem Essen, das doch gar nicht so lange auf sich warten ließ, packen wir schnell die Koffer und lassen uns vor dem Kamin mit einem weiteren Dartmoor-Gin nieder. Der Kamin brennt natürlich nicht, das ist dieser Tage wirklich nicht notwendig.

Mit vielen Grüßen vom Prince of Wales verabschiede ich mich für heute wieder nach L.A. zu Harry B..

Sunday Times

Nun sind wir also dem Londoner Trubel entflohen und wohnen im altehrwürdigen Two Bridges Hotel im Dartmoor. Die Betten sind besser, weniger Memory, mehr Federkern, aber immer noch sehr weich. Eher eine Weichschläfernation, denn die weichen Betten sind auch in Privathaushalten verbreitet, soweit wir es bisher erlebt haben.

Das Einzelzimmer ist ganz entzückend, es gibt ein uraltes Himmelbett, viel Platz und einen schönen Lesesessel. Der wird am Sonntagmorgen auch gleich genutzt. Da wären natürlich peitschender Regen und kalter Wind besser, um das Ambiente noch mehr genießen zu können. Das Wetter ist wieder sehr sommerlich, so dass ich mich nach draußen vor das Gebäude setze.

Die Dusche ist für mich akzeptabel, für den Giant eine Herausforderung, die vielleicht etwas Yoga erfordert. In diesem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind die Decken sehr niedrig, beginnen gleich über der Türzarge und die Duschwanne nimmt noch einmal 10 cm davon weg. Ich schiebe die Handbrause also mal nach ganz oben, das mache ich sonst nie. Am Waschbecken hängt ein saisonales Hinweisschild, dass wir hier das gute Wasser aus dem Moor nutzen (folglich kein Chlorgeruch wie in der großen Stadt). Es ist natürlich auch direkt trinkbar. Die Bitte zielt aber auf den Wasserverbrauch im Allgemeinen, denn auch im Moor ist vom Wasser dieser Tage jeder Tropfen kostbar. Leider ist der Wasserdruck typisch Britisch und entsprechend gering. Ich muss also weniger Shampoo benutzen, damit der Schaum schneller wieder weggewaschen wird. Leider bin ich ein Jeden-Tag-Duscher. Ich bin immer bereit, Kompromisse einzugehen, aber so wie andere morgens einen Kaffee brauchen, bin ich erst Mensch nach der Dusche am Morgen. Ich muss auch nicht sehr lange und ausgiebig duschen, aber wie gesagt, der Schaum muss ja weggewaschen werden.

Gestern Abend haben wir unser Dinner hier im Hotel genossen – das Restaurant ist bekannt für seine Spezialitäten. Wir hatten einen sehr netten Kellner, der aussieht wie die jüngere Version von Stephen Merchant, der sogar aus Bristol stammt. Er hat auch einen schönen britischen Humor, der nie davor zurückschreckt, sich selbst oder andere bloßzustellen – ganz so, wie in „The Office“. Mitten im Dinnerroom spielte ein Pianist nette Begleitmusik. Eine bunten Mix aus Popklassikern, eingängigen klassischen Stücken und etwas Filmmusik. Bei letzterer konnte ich nicht alles gleich zuordnen. Ein Stück kannten wir alle, waren uns aber nicht sicher, woher. Ich dachte an Rachel Portman und dass ich den Film auf jeden Fall gesehen habe. Beides falsch, nach einer späteren Recherche stellte es sich als das Thema aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ heraus. Den habe ich nie ganz gesehen und Frau Portman hat auch nichts damit zu tun.

Das Smartphone ist hier ein ständiger Begleiter. Manche kritisieren das ja oder versuchen es stundenweise ohne. Ich mache aber so gerne Fotos und eigentlich finde ich es auch schön, dass mir jemand ein Bild von seinem augenblicklichen Aufenthaltsort schickt, nach dem Motto: Schau, hier bin ich gerade und genieße dieses oder jenes. Mir gefällt das. Ich bin auch noch anders gereist, mit einer analogen Kamera, wo es oft hieß: Hast Du noch genug Bilder? Ja, ich habe einen 36er Film eingelegt. Und anschauen konnte man die Fotos auch erst viel später und es war immer eine Überraschung, wie viele wirklich gut waren.

Eine Stunde habe ich lesend vor dem Haus verbracht und als ich mir ein Getränk an der Bar ordere, sehe ich frische Croissants. Ich bestelle schnell ein Exemplar und kann mir so Gesellschaft auf die Terasse organisieren. Am Nebentisch gibt es sogar ein Cream Tea-Gedeck. Warum nicht auch schon am Vormittag!

Ich mache einen Abstecher nach L.A. und fange den neuesten Fall von Harry Bosch und René Ballard an. Schon die Widmung ist schön: „For Titus Welliver, who breathed life into Harry Bosch. Keep your chin up.“ Es sind alle drei dabei: René, Mickey und Harry und es gibt wieder ein blaues Mordbuch!

Den Tag verbringe ich überwiegend im und beim Gebäude. Mittags mache ich einen kurzen Mittagsschlaf, der ist irgendwie nötig und tut gut. Gegen 15 Uhr genießen wir den Cream Tea, der hier in der Gegend berühmt ist: Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade, dazu Tee. Wir finden nur im Inneren einen Tisch, weil ich es am Sonntagnachmittag so voll ist. Das macht aber nichts. Es sieht in der Sonne vielleicht schöner aus, aber es zerflösse alles sofort.

Die Kellner sind nicht zu beneiden, man bestellt an der Bar und sie müssen dann sehen, wem sie es bringen sollen. Die schweren Tabletts werden dadurch mehr Meter getragen, als es nötig gewesen wäre. Ein paarmal müssen wir auch etwas ablehnen, was wir nicht bestellt haben. Keine leichte Schicht. Gut, dass die meisten britischen Gäste solche Situationen eher mit Humor nehmen. Auch hier herrscht nämlich Personalmangel. Deshalb müssen wir heute auch auswärts dinieren, denn das hauseigene Restaurant hat nun drei freie Abende.

In den Räumen hier stehen und hängen unzählige Uhren. Und ich habe allerdings noch keine entdeckt, die die korrekte Uhrzeit anzeigt. Das sind wohl alles nur Deko-Objekte. Vielleicht soll man aber auch bewusst nicht nach der Uhr leben und den Augenblick genießen. So ein Tag hat schon etwas von Kreuzfahrt, nur ohne all die unangenehmen Limitierungen.

Unsere Restaurantreservierung haben wir abgesagt, da wir noch satt sind vom Cream Tea. Wir fahren aber trotzdem in den Weltkulturerbe-Ort Tavistock. Das Örtchen ist Idylle pur und nahezu menschenleer am Sonntagabend. Wir laufen einen Hügel hinauf und begehen den Viaduct Walk. Ohne Entfernungsangabe fühlen wir uns direkt mutig, wir wollten heute mal nicht ins Schwitzen kommen. Aber es geht nur 2 Höhenmeter weiter, den ersten Anstieg hatten wir schon hinter uns, dann stehen wir bereits oben auf dem Bauwerk. Es ist etwas weniger spektakulär als in den Prospekten, aber der Ort insgesamt ist wirklich hübsch.

Dann fahren wir wieder zurück zum Hotel, etwa 5 Meilen über Berg und Tal mit vielen Schafen, Kühen und Dartmoor-Ponys auf den Weiden und manchmal auf der Straße. Die besiedelten Teile der Landschaft sehen aus wie bei Shaun, dem Schaf. Ich glaube, der kommt auch aus Bristol, das ist ja in der Nähe. Das muss hier Vorbild gewesen sein, es ist alles da: Weiden, Steinmauern, grüne Hecken, alte Cottages, Schafe, Schweine mit Wellblechhäuschen. Trecker haben auch schon unseren Weg gekreuzt. Die wirken hier noch wuchtiger in den engen Straßen.

Am Hotel sitzen wir noch eine Weile draußen bei Drinks und einem Kartenspiel und beenden den Tag lesend.

Saturday the 2.

Heute haben wir London vorerst verlassen. Noch ein Restefrühstück, das gar nicht so schlecht war. Dann Aufräumen und eine Waschmaschine mit Handtüchern anstellen, denn dafür wäre die Reinigungskraft sehr dankbar, machen wir doch glatt. Dann in zwei Etappen auf die Straße und den Schlüssel wieder am Fahrradständer einschließen. Per Smartphone wird ein Taxi gerufen. Mit uns und dem Gepäck ist es randvoll! Und es war eine gute Entscheidung, denn das alles durch die U-Bahn und die Straßen bis zur Mietstation zu tragen, wäre furchtbar gewesen. So muss der Gepäckhaufen auf der Straße warten, während wir das Auto abholen wollen. Wir bekommen ein Upgrade von Toyota Corolla zu Lexus IS 300 in silbergraumetallic mit schwarzglänzenden Felgen. Rundum gruselig, wie ich finde. Aber er fährt sich ganz gut. Besser als seinerzeit der Mini Cooper in Schottland, bei dem Wagen war das Fahrgefühl eine einzige Enttäuschung. Außerdem lerne ich, dass es sich bei Lexus um die Nobelsparte von Toyota handelt und dafür ähnliche Preise wie für einen vergleichbaren Mercedes aufgerufen werden. Auf den Wagen müssen wir noch eine halbe Stunde warten, weil er erst gesäubert wird. Dann geht es los! Linksverkehr in der großen Stadt. Aber das geht ganz gut, denn es sind ja immer Autos vor mir, da muss ich nur hinterherfahren. Zunächst quälen wir uns eine Stunde lang aus London heraus, wir sehen aber noch Buckingham Gardens und Harrod‘s. Anschließend durchstarten auf der M4. Was man hier so durchstarten nennt. Die ersten 40 Meilen darf ich nur 60mph fahren. Und danach maximal 70mph klärt mich mein Beifahrer auf, weil ich recht penetrant rechts fahre und das auch noch zu schnell. Bei drei Fahrspuren fließt der Verkehr hier überhaupt nicht flüssig. Das können die Amerikaner besser. Hier fahren die meisten konsequent in der Mitte und oft nur mit 60 oder 65 mph. Ein Tempomat bringt also gar nichts. Dauernd muss ich überholen und das mache ich sonst eigentlich nicht. Ich möchte aber nicht den ganzen Tag im Auto verbringen und die 225 Meilen ziehen sich ganz schön in die Länge. Nach der Hälfte machen wir eine kurze Pause. Es gibt hier etwa alle 40 Meilen Raststätten und die haben ihren Namen wirklich verdient. Es gibt alles: Cafés, M&S Foodhalls, drei Fastfood-Läden, Bekleidungsgeschäfte, Lederwaren und natürlich eine Tankstelle. Wir besuchen die Sanitäreinrichtung (für die Autobahn ok – in Jonathan Van Ness‘s Worten: „I’ve seen worse, I‘ve seen better“) und essen dann einen kleinen Burger und Pommes im Fastfood Lokal mit der Krone. Das habe ich schon Jahre nicht mehr gemacht und ich weiß nun auch wieder warum. Es schmeckt nicht sehr gut und ist auch nicht wirklich warm, der Käse nur teilweise geschmolzen. Aber Schwamm drüber, viel interessanter sind die anderen Rastenden. Uns begegnen hier immer wieder Teile einer Großfamilie und nun beim Essen alle zusammen: Eltern mit 5 Töchtern. Irgendwie tut mir der Vater ein wenig leid. Wie es wohl ist, allein unter so vielen Damen zu leben? Er sieht sehr nett aus, sehr britisch außerdem. Er hat lichtes kurzes rotblondes Haar und trägt ein enges T-Shirt, Shorts und Adiletten. Athletisch wirkt er nicht, allerdings ist er die Ruhe in Person. Im Gegensatz zu den kleinsten Töchtern. Sie sind ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, kleidungstechnisch aber wie aus dem Ei gepellt. Badelatschen tragen sie auch, aber ansonsten hübsche Kleider, die so gar nicht nach Alltag aussehen und verwunderlicherweise auch nach der Mahlzeit noch sauber sind. Sie haben zwischendurch nämlich einen kleinen Streit und im Handgemenge spielt auch das Essen eine Rolle. Um schlimmeres zu verhindern, schlichten die beiden größeren Töchter. Die kommen eher nach der Mutter, eifern ihr jedenfalls nach. Alle drei haben auffällig gestylte Augenbrauen. Die sehen frisch gefärbt aus, sehr dunkel bei hellem Haupthaar. Als ich kurz überlege, ob sie die Brauen vielleicht gerade gefärbt haben und das Ganze unterwegs einwirken muss, klärt meine Expertin für die moderne urbane Lebensart mich auf: Nein, das soll so aussehen, wenn ich genau hinschaue, kann ich auch entdecken, das das restliche Gesicht einwandfrei geschminkt ist. Also Absicht – echt schräg. Es gibt dafür auch eine Typbezeichnung, auch wenn die meist eher abwertend gemeint ist, aber wer keine Angst vor den Suchverlaufsfolgen hat und in der Suchmaschine „Chav“ eingibt, wird die auffälligen Brauen wiederfinden. Ich frage mich noch kurz, in welches Auto die gleich alle wieder steigen. Und falls es in den Urlaub geht, wo bleibt das Gepäck? Unsere Limousine jedenfalls ist mit drei Personen und deren Gepäck randvoll.

Danach weiter Meilen schaffen. Das Radioprogramm ist streckenweise nervig, am Ende weichen wir sogar auf Klassik aus. Irgendwann kommt dann aber Exeter und wir fahren ab. Bis dahin sah die Landschaft nach Ostwestfalen aus. Hügelig und viel Wald. Die folgende Landstraße ist in viel besserem Zustand als die Autobahn, das hilft ungemein. Außerdem nur zweispurig, da fährt auch wirklich nur rechts, wer schneller ist. Die letzten 20 Meilen fahren wir dann direkt durch das Dartmoor. Sehr enge Straßen, teilweise nur uneinsehbar einspurig. Man muss Mut haben und manchmal beherzt Gas geben, um zu seinem Recht zu kommen. Das möchte ich nicht jeden Tag machen müssen. Es ist natürlich sofort zu merken, wer hier Profi ist und wer nicht. Die Einheimischen fahren schnell vorbei, die Touristen sehr langsam. Unser Parkassistent lässt ständig seine Morsecodemelodien erklingen. Nach langen sechs Stunden sind wir da! Im Two Bridges Hotel mitten im Moor – so urig und schön, wie wir es in Erinnerung haben! Morgen mehr dazu.

Friday

Letzter Tag in London. Ich muss am Morgen schon ein wenig mit dem Packen anfangen. Ja, ich hatte an jedem Abend kurz das Gepäck vor dem geistigen Auge, aber dann doch wieder gedacht: Für den Rückflug haben wir ein viertes Gepäckstück angemeldet, das wird schon passen. Bedacht habe ich nicht, dass wir Morgen erst einmal alles zur Mietwagenstation schaffen müssen. Mal sehen, wie das funktioniert. Ich werde schon ein wenig vorsortieren, das kann ja nicht schaden.

Frühstück gibt es heute noch einmal am schönen Plätzchen in South Kensington. Die Beschaulichkeit ist etwas geringer als am Sonntag, weil heute auch Lieferverkehr passieren muss, aber in unserem Café Brown & Rosie ist wieder ein Tisch für uns frei. Es gibt wieder ein Dreierlei, heute allerdings nur einmal süß. Danach starten wir den durchgetakteten Tag in Richtung Embankment. Von dort spazieren wir zum Trafalgar Square und besuchen die National Gallery. Wir trennen uns und wollen in einer Stunde wieder zusammenkommen. Ich mache mich auf die Suche nach William Turner , der übrigens am Covent Garden geboren wurde. Ich möchte wie James Bond und Q vor „The fighting Temeraire“ sitzen. Aber ich glaube, dass die Bänke für den Film anders gestellt wurden. Jedenfalls kann man heute nicht direkt davor sitzen wie die beiden. Es musste wohl ein Bild mit Bezug zu Bond sein, Q erwähnt ja auch das Abwracken, dafür kann man auch mal etwas umstellen. Danach schaue ich mir noch die Impressionisten an und van Goghs Sonnenblumen. Bloody Tourists – kommen immer nur wegen der berühmten Bilder. Aber wo in der Welt ist das Bestaunen umsonst? Das kenne ich nur hier in London. Die beiden anderen treffen sich beim Rundgang und finden auch das gesuchte Bild der „Hinrichtung der Lady Jane Grey“, Königin für neun Tage am Schafott. Als der Teenager erst 5 Jahre alt war, hatte sie dieses Bild hier gesehen und später in der Kindertagesstätte nachgemalt und ihm dabei noch einen blutrünstigen Touch verliehen, die Darstellung also weitergedacht. Das hatte seinerzeit für einige Irritation gesorgt. Aber sie konnte die Situation mit ihrer ihr eigenen und berechtigten Unschuldsmine erklären. Bildende Kunst und kein nicht altersgerechtes TV-Programm. Allerdings hätte sie ja auch das Whistlejacket-Pferd malen können, oder was buntes Unverfängliches.

Die Temperaturen sind heute etwas gemäßigter, aber für meine Begriffe weit weg von kühl. Beim Frühstück unter dem Sonnenschirm allerdings fröstelten die beiden anderen, während ich die Kühle genossen habe. Und selbst nun in der Mittags-Sonne tragen einige Fleece- oder Daunenjacken, unglaublich. Davon muss ich noch eine Weile träumen, bis ich so etwas wieder anziehen kann.

Nach der Kunst fahren wir zusammen zum Tower Hill. Dort brechen meine Begleiter auf zur Gondelbahn über die Themse in Greenwich. Ich mag keine Gondeln und werde den Fluß über mein ikonisches Bauwerk schlechthin überqueren, die Tower Bridge. Ich genieße jeden Augenblick, auch wenn die Sonne von vorn brennt. Egal, es ist total leer auf dem Fußweg und ich kann lauter schöne Fotos machen. Dann steige ich in die Jubilee Line, die noch recht jung ist. 1979 wurde die Linie eröffnet, meine Zielstation North Greenwich sogar erst im Jahr 1999. Dort befindet sich der Millennium Dome, eine moderne Veranstaltungshalle, die ebenfalls schon in einem James Bond Film eine Rolle spielte (Die Welt ist nicht genug, auch 1999). Beim Bau der Station wurden größentechnisch völlig neue Dimensionen gedacht, man hatte zum Jahrtausendwechsel mit Unmengen von Besuchern kalkuliert. Die kamen aber nicht so zahlreich wie gedacht und deshalb wirkt die Anlage recht übertrieben. Das ist ja immer etwas tragisch.

Ich treffe die beiden Gondelfahrer wieder und wir essen bei Wagamama, damit wir das auf jeden Fall auch noch abhaken können. Nach dem Essen fahren wir wieder zurück Richtung Innenstadt. Der Teenager steigt an der London Bridge um und macht sich auf den Weg nach Hamstead, um auf den Pfaden einiger Romanfiguren zu wandeln und deren Kiez zu erkunden. Gestern in Marylebone wurden zwei Seriendarsteller gesichtet, an denen ich achtlos vorübergegangen wäre. Vielleicht hat sie ja auch heute wieder Glück.

Wir fahren zum Leicester Square, sitzen einfach herum und saugen die Atmosphäre Londons auf. Nach einer Stunde spazieren wir rund um den Piccadilly Circus und kehren in einem kleinen Pub ein. Von dort machen wir uns auf den Weg zum Oxford Circus, denn dort wollen wir uns wieder treffen. Wir entdecken aber ein kleines „Green“ und lassen uns dort noch einmal zum Lesen nieder. Dann gibt es wieder Kommunikation miteinander und wir verabreden uns, nun alle Richtung Treffpunkt aufzubrechen. Wir planen für uns eine halbe Stunde ein, sind aber schon nach 15 Minuten dort. Wir müssen eine Weile warten und das an einem der belebtesten Orte der Stadt. Zwischendurch werden wir auch nach dem Weg zu einem Theater gefragt – die Frage kann der Giant aber souverän beantworten. Er hatte eben diesem Theater um die Ecke gerade kurz aus sentimentalen Gründen einen Besuch abgestattet.

Der Oxford Circus wird von vier Gebäudeecken umsäumt. In jedem der Gebäude ist ein Ladengeschäft untergebracht. An unserer Ecke ist zwar keine auffällige Leuchtreklame angebracht, aber mit der Angabe des Markennamens kann der Teenager natürlich etwas anfangen und findet uns nach Ankunft prompt.

Jetzt heißt es noch, die letzten zwei Ziele abzuarbeiten:

1) Hamleys, the finest Toy Store in the world. Für uns ist das ein Abschiedsbesuch, denn wir sind der Zielgruppe endgültig entwachsen. Und der Rausch, Spielzeug auf sieben Etagen mit Live-Demonstration von Neuigkeiten auf jeder Etage zu bestaunen, hat sich inzwischen verbraucht. Es war aber immer nett und ich kaufe noch ein letztes Kleinod: Einen Plüschdobby.

2) Die Waterstones-Filiale am Piccadilly – der größte Buchladen Europas. Auch hier teilt sich das Angebot auf sieben magische Etagen auf. Und dieser Laden versprüht noch echten 90er Jahre Vintage-Charme. Ein gelungener Abschluss.

Zurück am Earls Court noch etwas Obst eingekauft, damit die Reste aus dem Kühlschrank aufgewertet werden können. Und dann ist Packen angesagt. Herrje, wir waren doch etwas übermütig beim Shoppen. Ich fürchte mich vor dem Transport des Gepäcks. Das geht nicht nur mir so, wir werden es mit einem Taxi versuchen. Morgen mehr dazu.

Thursday

Vorletzter Tag in London, da schleicht sich schon wieder etwas Wehmut in die Stimmung. Der Tag startet aber erst einmal mit einem heimischen English Breakfast. Nicht „Full“, wir haben keinen Bacon, keine Tomaten, Pilze oder Black Pudding. Aber sonst ist alles da, außerdem noch Erdbeeren und Müsli. Satt und zufrieden fahren wir eine etwas längere Strecke bis zum Monument. Das ist eine riesige 62m hohe, begehbare Säule, die an den großen Brand von 1666 erinnern soll und dort an der Pudding Lane steht, wo in einer Bäckerei das Feuer ausgebrochen war. Sie wird mit „iconic“ beworben. Das ist leicht übertrieben, obwohl sie schon recht prominent zwischen all den Häusern in engen Gassen steht. Jedenfalls hätten wir für unser Ziel auch schon eine Station früher aussteigen können, aber das habe ich übersehen. Nun gucken wir uns also erst diese Säule an, bevor wir die Daunt Books Filiale mitten in der City of London ansteuern. Diese Londoner Buchhandelskette hat ihren Ursprung in den ersten Buchhandlungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Sonderanfertigungen, also Einbauten speziell für Bücher, ausgestattet wurden. Damit sollte der Kunde schon beim Besuch im Ladengeschäft in die Welt der Bücher tauchen können. Die Bücher wurden zu dieser Zeit auch erstmals nach Themen sortiert angeboten. Die Daunt-Kette wurde erst 1990 von James Daunt gegründet und führte zu Beginn ausschließlich Reiseliteratur. Ob die Film-Figur des William Thacker hiernach entwickelt wurde? Allerdings war Herr Daunt sehr erfolgreich, hat schon bald expandiert und auch das Angebot erweitert. Im Augenblick ist die Kette sehr populär. In der Stadt sieht man viele junge Menschen mit Daunt-Books-Tote-Bags, die in den Filialen für einen stolzen Preis verkauft werden. Ich bin ja schon seit jeher ein Book-Lover, deshalb freut es mich, dass das Konzept der Daunt-Kette aufgeht. Man glaubt fest an das Medium Print und möchte sich bewusst gegen die Online-Lieferanten positionieren. Mit ansprechendem Einkaufserlebnis, psychologisch ausgearbeiteter Präsentation und wöchentlichen Lesungen und Verkaufsstartveranstaltungen scheint das auch zu funktionieren. Bei mir sowieso, aber eben auch bei jungen Menschen – TikTok sei Dank. Serien- oder Filmfiguren helfen dabei natürlich auch: Hermione Granger, Jess Mariano, Meggie Folchart, Eloise Bridgerton, Kathleen Kelly und wie sie alle heißen.

Wir kaufen hier zwei Taschen und 6 Bücher, eine Tasche bekommen wir dann sogar gratis als Zugabe. Sehr schön. Aber es war noch nicht DIE Daunt-Filiale mit dem schönsten Interieur. Wir sind also noch nicht fertig damit. Diese Filiale im Büroviertel habe ich ausgesucht, weil wir von hier aus zur St. Pauls Cathedral spazieren können, um dann über die Millennium Bridge zum Shakespeare’s Globe Theatre am südlichen Themse-Ufer zu gelangen. Stücke gibt es gerade keine reizvollen, aber den Shop hätte ich gern besucht. Leider ist noch geschlossen. So starten wir hier unseren Southbank-Spaziergang eben sofort. Auf dieser Seite des Flusses kann man ganz wunderbar flanieren. Rechts die Themse, die im Augenblick erschreckend wenig Wasser führt und links viele kleine Lädchen, Cafés und Mini-Märkte. Es ist das Künstler-Areal, hier ist immer was los und es gibt Kunst und Kunsthandwerk für jeden Geldbeutel. Am National Theatre gibt es auch einen von den Pariser Bouquinisten inspirierten Buchflohmarkt. Dunkelgrüne Buden an der Kaimauer und zahlreiche Tische mit echten Raritäten.

Von hier aus ändern wir unseren Ursprungsplan etwas und biegen ab zur Waterloo-Station. Dort steigen wir in den Bus und fahren bis zur Baker Street. Es ist End- und Startstation zugleich und deshalb sind die Sitze oben ganz vorn frei für uns. Wir haben also noch eine sehr touristische Fahrt durch Soho über Piccadilly Circus bis zur Baker Street. Von dort laufen wir durch das noble Marylebone bis zur schönsten Daunt-Filiale und kaufen noch zwei Bücher. Dann trennen wir uns wieder, weil die Jüngste gern im Regent’s Park lesen möchte. Wir schlendern zum nächsten Pub und erfrischen uns mit ein paar Drinks. Gerade als der Gin auf dem Tisch steht, kündigt die Leserin ihre Rückkehr an. Sogar das kostenpflichtige Benutzen der Toiletten im Park ist nur noch mit Karte möglich. Mit Bargeld kann man hier so gut wie nichts mehr anfangen. Sorry, cards only. Dann trinken wir alle drei noch etwas und machen uns auf den Rückweg nach Earls Court. Im Apartment kurz frisch machen und die Füße hochlegen, um wieder einigermaßen ausgeruht zum Italiener auf der anderen Straßenseite gehen zu können. Dort ist es schon ziemlich voll, wir erwischen aber ein günstiges Zeitfenster. Nach uns bildet sich eine ansehnliche Schlange von Hungrigen. Die Lasagne und die Pizza sind so reichhaltig, dass anschließend keiner mehr laufen möchte und so beschließen wir den Tag im Apartment.

Wednesday

Heute wird ausgeschlafen. Am Vormittag werde ich Wäsche waschen und dann gehen die Damen in die Oxford Street und suchen neue Düfte. Am Flughafen hatten wir ja keine Zeit mehr dafür. Der Herr besucht ein Proms-Konzert in der Royal Albert Hall. Es gibt Beethovens Fünfte. Eigentlich habe ich immer gesagt, dass ich zu gern einmal etwas sehen und hören möchte in der Musikhalle. Aber irgendwie ist mir dieser Tage nicht danach.

Wir fahren bis zur Marble Arch Station und fangen ganz am Ende der Oxford Street an. Unser zweiter Halt ist gleich wieder eine Boots-Filiale, wir brauchen Kopfschmerztabletten, sonst wird der Tag nicht gut. Dabei fällt mir auf, dass auch dieses Phänomen der Drogerien mitten im Shopping-Eldorado hier in Großbritannien sehr viel länger schon normal ist, als bei uns. Hier war das schon immer so, jedenfalls solange ich hier unterwegs bin. In Hamburg hat sich das erst in den letzten 10 Jahren entwickelt und eigenartigerweise fand ich es zunächst befremdlich, dass da eine Drogerie neben dem Schuhladen eröffnet wurde und wenige Meter weiter zwischen all den Bekleidungsgeschäften noch eine und später noch eine. Aber nun habe ich mich auch in der Heimat daran gewöhnt.

Danach besuchen wir erst eine Marks & Spencer Filiale und kaufen Hausschuhe. Die letzten aus Schottland haben es bald hinter sich, da müssen neue her. Auch im August gibt es ein ansehnliches Angebot an fellgefüllten Schlappen. Unser nächstes Ziel ist das große Kaufhaus Selfriges, in dem Alan Rickman im Weihnachtsfilm in der Schmuckabteilung einkauft. Wir bleiben in der Duftabteilung und haben die Qual der Wahl. Meine Güte, so viel Auswahl. Gut, dass an jedem Ständchen jemand berät und nach unseren Wünschen vorsortiert. Sie viele Riechproben hätte ich gar nicht nehmen können, wie uns hier bereit stehen. Wir finden auch etwas, tatsächlich auch bei der nettesten Beraterin. Ein französischer Duft, der mit „Pfefferwasser“ untertitelt ist. Pfeffer habe ich zwar nicht herausgerochen, aber gut, nach all den Proben. Das Parfüm heißt „Twilly“, so wie das markentypische Seidenband, das als täglicher Begleiter und Glücksbringer fungiert, zumindest bei der Dame von Welt.

Danach schaffen wir noch den Disney Store und erstehen dort eine Müslischalentasse mit Woody drauf – in jeder Hinsicht ein Klassiker. Das wird ein schönes eklektisches Bild in der zukünftigen Küche unserer Tochter, die sich derzeit viele Einzelteile zusammensucht, ich bin gespannt darauf.

Nach dem Tassenkauf kaufe ich ihr noch einen Crêpe und entlasse sie dann an der Bond Street in die große Stadt. Sie trifft sich mit ihrer Schulfreundin, die ja hier gerade Sprachferien macht. Ich warte auf den Konzertgänger, der einen langen Spaziergang vom Buckingham Palace hier her unternommen hat, um sich die Zeit zu vertreiben. Zusammen wandeln wir Richtung Piccadilly Circus durch das noble Mayfair. Wir sind eigentlich ganz anständig bekleidet: Lederschuhe, Jeans, Chino, Bluse und Polohemd. In dem Pub, an dessen Eingang wir lesen: „Entry only in appropriate and clean Clothing“, erhalten wir zwar Einlass, aber ich fühle mich doch underdressed hier. Alle shoppen in sehr schicker Kleidung. Macht aber nichts, weil wir ohnehin in keinen der Läden hineinpassen. Wir schlendern nur vorbei. Unter anderem durch die Burlington Arcades. Immer wieder schön – die muggelsche Winkelgasse.

Wir kommen auch noch an einer Kirche vorbei, dort finden auch Lunchtime-Konzerte statt, deshalb ist sie meinem Begleiter bekannt. Ich war noch nie dort. Die St. James‘s Church Piccadilly, dort wurde die Hochzeit in der zweiten Staffel von „Bridgerton“ gedreht. Scheint noch ein Geheimtipp zu sein, es waren keine Teenager vor Ort. Die Kirche hat einen wunderschönen begrünten Kirchplatz mit Tischchen der angrenzenden Gastronomie.

Unser frühes Abendessen nehmen wir in einem Pub ein, dessen Gebäude sehr alt und schief an einer Kreuzung steht. Das lässt wieder an Harry Potter denken und es ist in diesem Land schon sehr nachvollziehbar, woher Frau Rowling ihre Inspirationen hatte. So sind die Gebäude und Straßen nicht nur schön anzusehen, ich verbinde sie auch gleich wieder mit Buchbildern. Überhaupt: Bücher. Ich mag Bücher sehr. Und die Buchhandlungen in dieser Stadt sind echte Sehenswürdigkeiten. Es gibt auch so viele, eine traditioneller und mit mehr Geschichte als die andere. Das Lesen scheint hier einen ungleich höheren Stellenwert zu haben, als bei uns.

Wieder zu Hause, müssen wir noch einmal zum Einkaufen gehen und das ist bei der Hitze eine echte Herausforderung. Zurück im Apartment bin ich so durchgeschwitzt wie sonst im Untergrund. In den Bahnen selbst geht es eigentlich, dort sind nämlich alle Fenster an Bug und Heck geöffnet, so dass direkt davor ein Hardcore-Bollywood-Wind weht. Wenn ich also einen entsprechenden Stehplatz finde, ist es aushaltbar.

Das war es für heute – es sieht ereignisarm aus, aber der Tag war trotzdem lang und der Schrittzähler zeigt 16T an. Ich finde, das reicht.

Tuesday

Die meisten Fenster unserer Wohnung zeigen in den Innenhof. Abends ist in jeder Wohnung im Gebäude gegenüber Leben. Lichter gehen an und aus. Es wird gekocht und gegessen. Das fand ich bei Alfred Hitchcock eigentlich sehr künstlich, wie sich James Stewart seine Rekonvaleszenz mit den Leben der Anderen versüßt. Aber hier würde das prima funktionieren, jedes Fenster liefert eine andere Geschichte. Ok, vielleicht viel Wiederkehrendes, aber total transparent. Morgens ist nicht viel los in den Wohnungen, wahrscheinlich sind längst alle bei der Arbeit.

Am heutigen Dienstag bleibt auch unsere Küche kalt und wir frühstücken im Pub. Die Temperatur ist sehr angenehm dort, denn heute wird es wieder warm. Es ist aber recht voll, vor allem für einen Dienstagmorgen. Außerdem ist Feueralarmübung und die Sirenen heulen alle 5 Minuten auf. Und dann kommen die Getränke erst, als wir längst aufgegessen haben. Das Essen war lecker, aber der Rest schreit nicht nach Wiederholung.

Nach dem der Umstände halber schnellen Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Kew Gardens, dem royalen botanischen Garten. Unser Jolly Green Giant trägt heute ein Shirt in orange, da sollten wir ihn im Park gut wiederfinden können, falls jemand schneller läuft als der Rest. Diesen Spitznamen hat er seinerzeit von der Neighbourhood in North Harrow bekommen, weil er eben groß ist, eine grüne Jacke trug und immer ein fröhliches Lachen auf den Lippen hatte. Gestern haben wir dann das Original dazu entdeckt:

In der Bahn stadtauswärts ist es angenehm leer. Erst an der Kew Garden Station steigen alle aus und haben wohl das gleiche Ziel wie wir. Die Internetseite empfahl dringend den Online-Ticketkauf, was wir auch brav getan hatten, aber die Massen verteilen sich schon vor dem Eingang ganz gut, die Schlange der Ticketinhaber ist länger als die der Vorortkäufer. Wenigstens gab es online einen Nachlass, dann war es nicht nur der psychologische jetzt-oder-nie-Effekt, auf den ich hereingefallen bin.

Im Park sind dann erstaunlich viele junge Menschen zu sehen. Ich habe nicht gedacht, dass sich für die Flora so viele interessieren. Meine Aufenthalte in London waren bisher immer zu kurz für einen Ausflug hierher. Aber diesmal haben wir so viele Tage hier wie nie und außerdem keine Notwendigkeit, die obligatorischen Sehenswürdigkeiten abzulaufen. Der Rundgang startet auch gleich mit den viktorianischen Gewächshäusern, die zur Bauzeit die größten der Welt waren. Als das Empire selbst noch ein Superlativ war, hatte man sich wohl vorgenommen, die ganze Welt der Pflanzen im Garten der Gärten zu zeigen. Diesen Anspruch hat man auch heute noch. Von allem gibt es unzählige Sorten und viele Arten wachsen nur hier außerhalb ihrer Heimat. Inzwischen ist man natürlich sehr vorsichtig mit den Exoten. Die heimatliche Natur leidet ja an vielen Stellen auch unter den fremden Pflanzen, die einmal ohne Bedacht importiert wurden. Im Gewächshaus herrscht zwar eine ähnliche Temperatur wie im Außenbereich. Aber es ist tropisch feucht und es rieselt ein Regennebel aus verschiedenen Richtungen. Die berühmte alte Topfpalme ist inzwischen rund 15 Meter hoch und möglicherweise haben wir sie zum letzten Mal bewundert. Sie muss demnächst gefällt werden, weil sie nicht mehr ins Haus passt und es zu sprengen droht. Der verantwortliche Gärtner ist untröstlich, aber es ist wohl notwendig. So richtig üppig sieht sie allerdings auch nicht mehr aus, vielleicht ist der Topf ebenfalls nicht mehr groß genug.

Die Rasenflächen im Park sehen erschreckend aus: Wie überall ist kein Grün mehr zu sehen. Alles ist karg und braun und knirscht beim Darüberlaufen. Wir laufen quer hindurch und machen einen nächsten Halt am Baumwipfelpfad. Von unten sieht er unspektakulär aus, aber oben sind die Baumspitzen majestätisch und grün zum Greifen nahe. Wirklich schön.

Danach kehren wir in einer geschmackvollen Gaststätte ein, deren Außenbereich von Weinranken eingerahmt wird. Wir genießen in dieser Idylle ein paar kalte Getränke. Dann trennen wir uns. Unser Giant möchte ein wenig Strecke machen und wir Kleinen möchten im Wind sitzen und lesen. Wir müssen länger durch die heiße Sonne laufen, als uns lieb ist, bis wir eine schattige Bank entdecken. Aber am Ende finden wir ein ruhiges Plätzchen und entspannen ein Stündchen. Zum Schluss bestaunen wir noch die Seerosen, die hier gezeigt werden. Riesig groß und ähnlich wärme- und feuchtigkeitsbedürftig wie die tropischen Pflanzen, schwimmen sie in einem Becken unter viktorianischem Dach. Das kleine Haus ist überbordend voll mit bunten Blüten und grünen Blättern. Die Pflege dieser prachtvollen Anlagen muss ein Traum für jeden Gärtner sein.

Wir spazieren zurück zur Bahnstation. Direkt an der Station befindet sich das Zentrum dieses Viertels und rundherum gibt es entzückende Lädchen, das Ganze ist außerordentlich pittoresk. In einem Buchladen kaufen wir auch etwas ein und dann geht es zurück in den Trubel der Innenstadt. Unser nächster Halt ist Covent Garden. Dort wollen wir noch ein wenig bummeln und uns ein Restaurant für das Abendessen suchen. Heute Abend entscheiden wir uns für einen Crêpe. Nach dem Essen wird der Heimweg noch von zwei Stopps in Antikbuchläden unterbrochen. Aber beide haben erstens nicht die Bücher, die wir suchen und zweitens eher seltene oder signierte Bücher im Angebot und die liegen nicht in unserer Preisklasse. Also fahren wir ohne weitere Bücher nach Hause und lassen den Tag mit kühlen Getränken ausklingen.

Monday

Garfield mag keine Montage, ich mag aber Garfield. Montag ist auch nicht mein Lieblingstag. In der Regel aber ist er ok. Heute mag ich dagegen sehr. Denn heute fahren wir in den Fuchsbau, nach Little Whinging, nach Godric‘s Hollow und nach Hogwarts. Wir besuchen die Harry Potter Studios. 2016 war schon eine Teilmenge von uns dort und nun fahren wir alle zusammen!

Vorher gibt es wieder ein heimisches Frühstück. Was soll ich sagen, aber in der Erdbeerschale war wieder keine einzige unschöne Frucht zu finden. Man kann darüber abergläubisch werden und sich fragen, was der Tag so bringt, wenn mal eine schlechte Beere dazwischen liegt. Generell sind Erdbeeren ja Glückssymbole, also vielleicht etwas besonders schönes und auf diese Weise ist man dann vorbereitet und weiß es zu schätzen.

Nach dem Frühstück geht es auch gleich los. Auf jeden Fall pünktlich sein, Ihr kennt mich ja. Harry Potter ist schon ein Phänomen. Ich war noch nie von etwas so begeistert und geprägt – ein wirklicher Fan. Bücher schaffen es öfter, Filme manchmal, dass ich mich darin verlieren kann, mitfiebere, mitleide und es kaum abwarten kann, wie es weitergeht. Die Harry Potter Bücher habe ich eigentlich erst spät für mich entdeckt. Aber Frau Rowling schreibt so schön, eine Mischung aus Kleist und Mann, wenn ich das so vergleichen darf. Endlose Sätze und wunderbare Beschreibungen, die Bilder erzeugen, die sofort den Eindruck vermitteln, dabei zu sein. Wie kaum eine Zweite kann sie sich auch in die verschiedensten Charaktere hineinversetzen, egal wie alt oder jung diese sind, egal, in welchen Lebensumständen sie sich befinden. Astrid Lindgren konnte das auch meisterhaft.

Der Bustransfer soll an der Victoria Station starten. Das haben wir ja alles schon einmal gemacht, aber alles wieder vergessen. Dank Smartphone gehen wir aber dennoch einen direkten Weg, kommen pünktlich an und sind nicht die Ersten. Dieses Mal ist der Bus von außen voller HP-Studio-Tour-Werbung. Dafür ist das Innere weniger schick. Eher linienbusartig. Es gibt Bildschirme an jeder Rückenlehne, es wird neben anderem Entertainment auch „HP and the prisoner of Askaban“ gezeigt. Leider in sehr schlechter Qualität: Klein, miserabler Ton und noch schlechtere Bildübertragung. Es stockt ständig und wirkt wie in 1,2facher Geschwindigkeit. Da ist etwas Magie verloren gegangen. Interessanter zu beobachten ist sowieso die fünfköpfige Familie neben uns, ich fasse das nur einmal kurz zusammen:

Der Vater sitzt zunächst allein in einer Reihe und will, dass das auch so bleibt, seiner jüngsten Tochter (ca. 7) bedeutet er unmissverständlich, sich woanders zu setzen.

Die älteste Tochter (ca. 15) setzt sich und sogleich die Kopfhörer auf. Wir haben alle ein Armband bekommen, dass uns dieser Tour zuweist. Sie hat es beim Anlegen kaputt gemacht – die Mutter muss ein neues besorgen. Danach hört man von ihr nichts mehr.

Der mittlere Sohn (ca. 12) setzt sich und hat nach etwa 1,8 Sekunden die Spiele auf dem Bildschirm aufgerufen und daddelt bereits ausgiebig, als die anderen sich noch sortieren – Chapeau!

Die jüngste Tochter sitzt neben ihrer Schwester, die aber offenbar nicht bereit ist, mit ihr zu kommunizieren (man kennt ja leider die Vorgeschichte nicht). Bei ihr muss die Mutter alles regeln. Sie anschnallen, den Bildschirm einstellen (Sprache, Programm etc.), dann hat sie leider auch ein rechtes Gehirsel mit ihrem Kopfhörer, zweimal muss durchgetauscht werden, nachdem sie vergeblich versucht hat, die Ohrstecker so klein zu kneten, dass sie in ihre Ohrmuschel passen. Überflüssig zu sagen, dass die Größe nicht veränderbar ist, auch nicht durch Handfertigkeit.

Das alles geht einher mit einem lauten und hektischen französischen Gebrabbel. Ich verstehe nur Fetzen, weil die so schnell sprechen. Franzosen schaffen ihre durchschnittlichen 16T Wörter pro Tag bestimmt bis zur Mittagszeit. Und vielleicht leben sie einige Monate weniger als der Durchschnittseuropäer. Wer immer in so einer Hektik lebt, sich wie ein Vogel bewegt und immer wenigstens 4 Dinge gleichzeitig jongliert. Es sieht anstrengend aus. Ich muss schmunzeln, habe ich doch ein Live-Foto von den beiden daddelnden Kindern gemacht. Nur von schräg hinten, versteht sich und nur, weil ich die hektischen Bewegungen so witzig finde. Es wird dann wieder gelöscht.

Nach halber Strecke muss der Sohn den Platz wechseln, weil er das System zum Absturz gebracht hat, jetzt neben dem Vater, der darüber noch ein wenig schimpft, was aber niedlich-französisch klingt. Die Töchter sitzen nebeneinander, sprechen sich aber weiterhin nicht an. Die Mutter muss etwa alle zwei Minuten etwas regeln oder schimpfen, was zu einer Durchsage des Busfahrers führt: Es sei nötig, dass man sitzen bleibt, solange der Bus in Bewegung ist.

Ich sitze allein in meiner Reihe, drei sind ja immer einer zu viel. Aber ich muss gar nichts regeln, außer vielleicht meine Lüftungsauslässe, denn die Klimaanlage läuft einwandfrei und sehr angenehm. Draußen ist es heute schwülwarm bei 27 Grad.

Nach 40 Minuten kommen wir am Studiogelände an. Schon von außen ist zu erkennen, dass sich hier vieles geändert hat. Es ist viel aufgeräumter und durchgestylter. Schön, so lohnt sich auch der zweite Besuch. Im Eingangsbereich hängt der Ukrainische Eisenbauch, mit dem die Flucht aus Gringotts gelingt. Ganz schön groß.

Wir starten gleich mit der Tour und werden als letzte Teilnehmer noch mit in den ersten Warteraum geschoben. Dort erzählen uns Fred und George, wie wir uns zu benehmen haben und was wir unbedingt tun sollen. Es ist eine neuere Aufnahme, aber die beiden sind immer noch süß. Anschließend nehmen wir in einem kleinen Kinosaal platz und man kündigt an: The HP-Movie-Marathon starts now – See you tomorrow. Das stimmt natürlich nicht. Gezeigt wird ein Film, in den die drei Hauptdarsteller von den 10 Jahren Drehzeit berichten und kurz die große Filmfamilie vorstellen. Danach gehen sie durch die Doppeltür in die große Halle von Hogwarts und hoch geht die Leinwand und da ist sie dann wahrhaftig: Die Eingangstür zur großen Halle!

Von da an können wir in unserem eigenen Tempo durch die Ausstellung flanieren. Es startet mit der großen Halle, in der zwei Tischreihen aufgebaut und gedeckt stehen. Über den Fliesenboden sind die Darsteller wirklich gelaufen, die Halle wurde genau an dieser Stelle massiv gebaut und 10 Jahre lang genutzt. Die Ecken sind mit allerlei Devotionalien der vier Häuser geschmückt. Überall verteilt stehen gesichtslose Puppen, die Kleidung der Charaktere tragen, es sind alle da: Hagrid, Professor McGonagall, Dumbledore, Snape und so fort. Heraus aus der Halle folgt eine große Studiohalle, in der diverse Schauplätze aufgebaut wurden. So findet sich die Küche im Fuchsbau neben Snapes Klassenzimmer und der Gryffindor-Jungen-Schlafsaal neben einer sich ständig wechselnden Treppe. Obwohl die ja irgendwie nebeneinander liegen. Das Portrait der fetten Dame hängt auch dazwischen. Es ist etwas voller als beim letzten Mal, aber mit kurzen Wartezeiten lässt sich alles bestaunen und knipsen. Es ist auf jeden Fall wieder großartig! Nach dieser großen Halle folgt der verbotene Wald, den wir noch nicht kennen. Mit Nebeleffekten. Danach folgt der Hogwarts Express, wie alles auch hier natürlich der Original-Zug, in dem gedreht wurde. Mit all den Kameraleuten war es ganz schön eng darin. Hier wurden sechs Abteile nach den ersten sechs Filmen gestaltet und ausgestattet. Sehr liebevoll gemacht. Die Bahnhofshalle, in der auch noch ein Shop und etwas Gastronomie untergebracht sind, geht über in den Außenbereich. Dort können wir 10 Meter der alten Hochbrücke in Hogwarts bewundern, den Knight Bus, das Haus der Dursleys, ein Fuchsbaumodell und das Mandrake-Gewächshaus von außen und innen sehen. Dann steht dort noch ein Ford Anglia auf dem Weg in den zweiten Teil der Ausstellung.

Der zweite Teil startet mit den Goblins und wie die Schauspieler dazu wurden. Das sieht sehr aufwändig aus. Ich glaube so ein Drehtag ist sehr lang. Direkt danach für uns alle neu ist die Schalterhalle von Gringotts. Riesig und ja auch in mehreren Teilen zu sehen, da lohnte sich der Aufwand, Marmorsäulen und -böden nachzuahmen, die sehr echt wirken. Ein paar Schritte weiter ist die Halle aus dem achten Film zu sehen, vom Drachen zerstört. Der Drache wird wütend und tosend dazu animiert gezeigt. Auch das sieht fast real aus. Was heute so möglich ist, toll. Dazwischen wurden einige Verliese aufgebaut und am Ende kann man durch die Winkelgasse laufen. Dort wurden alle einschlägigen Läden aneinandergereiht, das ist sehr hübsch! Zum Schluss gibt es noch einen Einblick in die Entwürfe und handwerklichen Aspekte des Set Designs. Das ist ebenfalls spannend und toll aufbereitet. Die Ausstellung mündet dann in ein riesiges Modell der Howarts-Anlage, die in einem ständigen Wandel von Tag und Nacht beleuchtet wird. Im Film sieht man dann keinen Unterschied. Die Burg scheint einfach dort zu stehen in Schottland.

Unser Besuch endet natürlich mit einem Einkauf im Shop und einem Snack in der Gastronomie. Gekauft wurden einige Kleinigkeiten, wir sind im Grunde ja bereits gut ausgestattet mit Fanartikeln. Wir essen jeweils ein Pie-Gericht. Es ist natürlich Fast Food, aber von der gehobenen Sorte, die ohne Fritteuse auskommt: Ein kleiner Pie mit Kartoffelpüree, Rotkohl, Möhren und brauner Soße. Zum Nachtisch teilen wir uns Aunt Petunias Pudding. Ein Vanilleküchlein mit Zitronenfüllung, das außen herum mit bunter Marshmallowsahne und Cocktailkirschen dekoriert wurde. Sehr süß, aber schmackhafter als er anmutet.

Dann geht es zurück zum Bus und wir fahren wieder nach Hause.

Später am Abend ist Resteessen angesagt. Wir haben noch ein paar Spaghetti. Der Geruch am Gasherd erinnert mich an die Campingurlaube meiner Kindheit. Schön. Allerdings hat unser Aufenthalt hier mit Camping sonst recht wenig gemein. Man kann aber auch einen Städteurlaub mit Camping verbinden, das schließt sich nicht aus. Bei meinem ersten Besuch in Paris haben wir auf einem Campingplatz logiert. Das hat Stil, wie ich finde. À propos Stil: Meine Coke gieße ich zum Essen heute originalbritisch aus der Hülse direkt in das Weinglas (die Spülmaschine war noch nicht durchgelaufen).

Sunday

Der Sonntag startet ohne Sonne, der Himmel ist bedeckt. Das finde ich gar nicht so schlecht. Gleißende Sonne lässt die gefühlte Temperatur nur noch in die Höhe schnellen. Und 27 Grad reichen auch bedeckt. In der U-Bahn herrschen ohnehin immer noch rund 5 Grad mehr. Ich möchte gar nicht wissen, wie sich das in der Hitze letzter Woche angefühlt hat.

Die Tatsache, dass wir nicht in einem Hotel schlafen, hat zwar einige Nachteile (der Müll muss selbst entsorgt werden und die Handtücher werden nicht nach Wunsch ausgetauscht), aber es entspannt die Tage ungemein. Niemand muss zeitig und vorzeigbar am Frühstücksbuffet erscheinen. Wir können ausschlafen und sind trotzdem früh auf der Straße. Das freut den Teenager sehr. Ich habe auch gerade gelesen, dass man viel mehr darauf achten sollte, den gemeinsamen Urlaub so zu organisieren, dass möglichst alle das tun können, was sie entspannt. Sonst verfehlt die Reise ihren Zweck. Einleuchtend, aber nicht leicht umzusetzen. Selten lassen sich die Interessen auf einen Nenner bringen. Wir hatten gestern einen schönen Tag zusammen, planen aber, uns heute überwiegend aufzuteilen und erst später am Tag wieder zusammenzufinden.

Ich möchte heute nach Camden und dort den Markt erkunden. Bei meinem ersten Aufenthalt hier in den Neunzigern war das wie so vieles in London eine Offenbarung. Ein Gebiet, das mit der Einkaufszone einer Kleinstadt vergleichbar ist, voller alternativer Läden und Buden. Ein Angebot schräger und ungewöhnlicher als das andere. Das Publikum zwar von Touristen durchsetzt, aber dennoch erkennbar fern vom 9 to 5 Spießertum. Also nicht, dass es falsch verstanden wird: Dazu zähle ich mich heute selbst und auch damals hätte ich mir nicht vorstellen können, ganz anders zu leben, als ich aufgewachsen bin. Vielleicht hat sich das auch etwas gewandelt, heute gibt es ja auch unter den BWLern oder Juristen einige (Voll-)Tätowierte, die in ihrer Freizeit nicht vermuten lassen, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber nicht ohne Grund steht die Amy Winehouse Statue in dieser Gegend. Wenn ich früher in den Neunzigern in die große Stadt gefahren bin (Hamburg oder Bremen), um dort im alternativen Viertel Second Hand Jeans und Dr Martens zu kaufen, fand ich die fremde Atmosphäre dort immer sehr aufregend. Jeder wurde geduzt und selten konnte man einem Gespräch entgehen. Man schien ein echtes Interesse an den Kunden zu haben. Vielleicht war so ein Gespräch aber einfach die übliche verkaufsfördernde Maßnahme, wenn man sich mit der Präsentation der Waren schon keinerlei Mühe gegeben hatte. Nach Schuhen musste man grundsätzlich fragen. Es standen ein paar Modelle herum. Aber welche Schätze genau verfügbar waren, klärte sich erst, wenn sich jemand mit einer Leiter an einem raumhohen Kartonstapel zu schaffen machte, oder eine Weile im Hinterzimmer verschwand. Das sind wohlige Erinnerungen. Mit dem neuen Paar Schuhe und Pearl Jam (A-Seite) und Massive Attack (B-Seite) auf den Ohren im Zug nach Hause fahren, wahrscheinlich zufrieden lächelnd. Unser Wissen um die Modellbezeichnungen stammte aus Katalogen, denn das Internet war im Alltag noch Science Fiction. Wahrscheinlich waren die Lebenszyklen solcher Konsumgüter viel länger als heute, schon weil die Einführung und Verbreitung viel mehr Zeit in Anspruch nahmen.

Zuerst wird aber auswärts gefrühstückt. Ein paar Busstationen von uns entfernt liegt ein Platz mit Cafés und Restaurants wie für einen Sonntagmorgen gemacht. Ich würde überall einkehren, das spricht mich alles an. Wir gehen aber in ein Lokal, dass uns über TikTok empfohlen wurde. Also einer von uns, die Eltern haben diese App nicht auf dem Gerät. Eine sehr gute Empfehlung, es gibt liebevoll zusammengestellte Frühstücksgerichte in Bio-Qualität. Kleine Portionen, damit nicht so viel übrig bleibt. Und sehr schmackhaft – wirklich gelungen. Wir haben im Innenbereich gegessen, denn es drohte etwas zu tröpfeln. Aber das war eigentlich doch nichts und auch das letzte Feucht von oben an diesem Tag. Da bleiben die Rasenflächen weiter hellbraun.

Anschließend fahren wir nur ein paar Stationen zusammen mit der U-Bahn, dann steigt einer vorzeitig aus, um den Rest des Weges am Regent’s Canal zum Marktgelände zu laufen. Zwei fahren zur Camden Town Station. Und natürlich hat der Tourismus hier längst alles voll für sich vereinnahmt, es gibt eine Menge Hinweisschilder und dergleichen. Aber gentrifiziert ist es hier zunächst nicht. Der authentische Shabby-Schick wurde von der Hauptstraße noch nicht verdrängt. Wenngleich die Kunden kaum einheimisch sind. Das organisierte Marktgelände in den alten Stallungen ist allerdings frisch saniert und beherbergt neben viel Handwerk und kleinen Boutiquen auch einige Ketten, die sich aber zurückhaltend einfügen. Alles in allem ein sehr angenehmes Flair. Wir shoppen ein wenig Dekoratives, leider keine Kleidung. Das Angebot war gestern besser. Der Dr Martens-Laden ist vollklimatisiert, schon allein deshalb sollte ich mich hier länger aufhalten. Ich habe aber gar keine Lust, Schuhe anzuprobieren. Das wird verschoben. Nach kurzer Zeit läuft uns der Dritte über den Weg. Er war schnell und so schlendern wir nun doch zu dritt durch die Hallen. Nach einer Weile halten wir bei „Hans und Gretel“ – einem wahrgewordenen Waffeltraum. Es gibt Bubblewaffeln, Waffeln mit Zuckerwattering, sog. chimney-Förmchen, alles gefüllt mit Eis, Weingummi, Schokolinsen, Soßen, schön bunt und süß. Eine kalorienreiche Übertreibung wird verspeist.

In der Mitte der Hallenanlage verlassen wir das Gelände und spazieren zu einem kleinen Buchhändler, der gebrauchte Bücher und Antikes anbietet. Sein Laden liegt in einer wunderschönen und sehr gepflegten Seitenstraße, die ich hier nicht erwartet habe. Doch etwas gentrifiziert. Sogar die Vorgärten sind gepflegt und man sieht keinerlei Hausrat. Das war selbst in Notting Hill anders, dort fanden sich eigentlich überall Vorgärten mit Bauschutt, defekten Fahrrädern oder ausrangierter Sanitärkeramik. Hier ist es unglaublich ruhig und sehr schön.

Der Buchladen ist wieder ein Tiktok-Tip. Toll. Was soll nur werden, wenn der Teenager ausgezogen ist. Dann werde ich endgültig abgehängt sein und nicht mehr wissen, was angesagt ist. Oder wie man Fotos macht: Immer hochkant und niemals Licht von hinten, das weiß doch wohl jeder und so fort.

Nachdem einige Buchschätze erworben wurden, laufen wir zurück zum Marktgelände und setzen uns in bunte Strandstühle und ruhen etwas aus. Die Füße schmerzen wieder und brauchen eine Pause. Wir stehen zu viel und laufen zu langsam. Aber beim Shoppen ist Geschwindigkeit nur hinderlich. Nach dem Päuschen laufen wir zur nächsten Busstation und fahren zum Trafalgar Square. Schöne Strecke. Auf dem Platz ist ein WarmUp für das Public Viewing des EM-Endspiels im Gange, weshalb wir uns eine neue Location für ein Geburtstagsselfie suchen müssen. Wir entscheiden uns für die Golden Jubilee Bridge am Embankment Place. Von dort hat man einen schönen Blick auf Big Ben und das London Eye. Und weil wir das Jahr 2022 haben, sind wir nicht die Einzigen, die ein Selfie machen. Selfie-Stangen aber scheinen total out zu sein. So etwas hat niemand mehr im Einsatz.

Danach machen wir uns auf den Rückweg nach Earls Court. Wir kaufen wieder ein paar Getränke und unser Abendessen. Heute mal zu Hause. Es gibt Spaghetti mit Tomatensauce. Wir haben alle drei Lust, in bequemen Klamotten zu essen. Also rein in die Jogginghosen und ran an den Gasherd. So ein Gasherd ist mir eigentlich eher unsympathisch. Ich kenne mich damit so gar nicht aus. Aber es klappt alles prima und die Pasta ist köstlich.

Saturday

Wir hatten gestern noch die Matratzen getauscht. Der junge Mensch schläft lieber weich und wir nicht so gern. Die beiden Matratzen lagen einfach nur im falschen Raum. Unten im Hof haben in der Nacht Katzen miteinander gestritten. Ansonsten war es sehr ruhig. Die Fenster gehen nach hinten raus, eigentlich schade, Sirenengeheul finde ich auch immer heimelig. Dann höre ich das eben nur tagsüber. Nach dem Wachwerden schnell eine Dusche: Ein Traum – riesige Duschkabine mit zweierlei Sprühköpfen, eine Regendusche und eine Handbrause. Letztere finde ich ja viel besser, da komme ich mir nicht so ausgeliefert vor. Die Handbrause ist zwar sehr niedrig angebracht, aber bei meinem Stockmaß ist das kein Problem. Und der Wasserdruck ist erstaunlich hoch. Es dauert nur etwas, bis das Wasser warm wird. Das erklärt vielleicht, warum die Leute in Filmen immer erst die Dusche einschalten, sich dann entkleiden und erst später in die Dusche gehen.

Unser Frühstück ist herrlich: Toast, Coronation-Chicken-Aufschnitt, Pancakes, Rührei, Joghurt, Müsli und Erdbeeren. Bemerkenswert ist die Qualität der Erdbeeren. Sehr lecker und ausnahmslos alle schön in der Schachtel. Wie das so geht, was wird nur aus all den angedrückten Beeren? Vielleicht landen die in der Marmelade….

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Notting Hill. Wir wollen heute ausgiebig vintagemäßig shoppen. Am späten Samstagvormittag sind wir natürlich nicht die Einzigen, die zur Portobello Road strömen. Aber der Markt ist auch einfach sehr schön. In ruhiger, angenehmer Stimmung bauen die Ladenbesitzer und andere Marktleute ihre Stände auf der Straße auf und man kann sich alles ansehen. Überfüllt ist es nämlich nicht. Wir kaufen auch einige Kleinigkeiten und machen zwei kleine Trinkpausen. Zwischendrin treffen wir zufällig eine Schulfreundin. Wir wussten zwar, dass sie auch gerade hier sein müsste, aber sich dann auch zu treffen, ist schon ungewöhnlich. Vielleicht gibt es nächste Woche noch ein verabredetes Treffen unter jungen Menschen.

Von der Portobello Road fahren wir zum Piccadilly Circus. Auf jeden Fall ist dieser Ort ein Must-Be bei jedem Aufenthalt. Von dort spazieren wir zum Leicester Square, der heute leider sehr voll ist. Deshalb laufen wir einfach weiter. Unser Ziel ist Minalima. Das ist das Ladengeschäft zweier Grafiker, deren populärster Auftrag bisher die gesamte Grafik der Harry Potter Filme war. Vor dem Laden hat sich eine Schlange gebildet. Aber wir müssen nur rund 10 Minuten anstehen, dann dürfen wir hinein. Auf zwei Etagen sehen wir erst eine Ausstellung der Harry Potter Produkte: Schulbücher, Karten, Tapeten und dergleichen. Wirklich toll. Außerdem werden einige Bücher in außerordentlich schöner Version angeboten. Auch eine Märchenbuchreihe. Natürlich tragen wir etwas heraus. Die Verkäufer sind auch noch so nett. Ich freue mich sehr über diesen Abstecher.

Inzwischen geht der Nachmittag zu Ende und uns schmerzen Die Füße. Also erst einmal eine weitere Trinkpause in einem Pub. Ein sehr kleiner Gastraum und trotzdem eine Ruheoase, weil das laute Treiben von Soho ausgesperrt wird. Als die Gläser leer sind, setzen wir zum Endspurt an und laufen zur Foyles for Books-Filiale. 7 Etagen voller Bücher. Nach einer Sanierung klinisch modern eingerichtet, früher herrschte hier Schrabbelcharme in dunklem Holz. Aber immer noch sehr gut sortiert. Ich erstehe einen Reisführer für das Dartmoor. Dann kann uns dort auch nichts mehr entgehen!

Die U-Bahn bringt uns ohne Umsteigen wieder zurück zum Earls Court. In der Bahn ist ein junger Mann vor unseren Augen eingeschlafen. Erst hat er sich noch gewehrt und versucht, seinen Kopf unter Kontrolle zu halten. Aber nach einer Station schläft er und droht während der Fahrt erst auf die eine Sitznachbarin zu kippen und dann auf die andere. Alle müssen schmunzeln, das ist schön anzusehen.

Wir bringen unsere Beute nach Hause, machen uns kurz frisch und gehen dann zum Essen. Heute essen wir asiatisch, es ist teilweise sehr scharf, aber trotzdem lecker. Nach dem Essen trennen wir uns kurz. Eine geht direkt zum Apartment und die beiden anderen kaufen in zwei verschiedenen Supermärkten noch ein paar Getränke. Mit je nur zwei Händen und ohne Kofferraum muss man einfach öfter einkaufen.